Rückblick: 1. Bioökonomie-Kongress Baden-Württemberg 2014

Über 370 Teilnehmer besuchten den 1. Bioökonomie-Kongress Baden-Württemberg am 29. und 30. Oktober 2014 in Stuttgart. Die Veranstaltung, die gemeinsam vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, von der Universität Hohenheim und der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH ausgerichtet wurde, hatte zum Ziel, die Debatte anzustoßen, wie die wirtschaftliche Entwicklung und der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit in Einklang gebracht werden können.

Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Theresia Bauer während ihrer Eröffnungsrede zum 1. Bioökonomie-Kongress © BIOPRO Baden-Württemberg / Nils Wüchner

"Die Landesregierung hat Nachhaltigkeit zur zentralen Richtschnur ihres Handelns gemacht." Mit diesem Eingangsstatement eröffnete Wissenschaftsministerin Theresia Bauer den Kongress. Sie wies darauf hin, dass es Herausforderung und Chance zugleich sei, Technologien zu entwickeln, die die Wirtschaft und die Nachhaltigkeit in Einklang bringen. "Wir brauchen Lösungen, die ganzheitlich denken. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Bioökonomie das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaft und Nachhaltigkeit auflösen kann", so Bauer. "In der Beantwortung der Frage, wie wirtschaftlicher Erfolg vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden kann, können sich ganz neue Geschäftsmodelle ergeben."

Startschuss für die Forschungsstrategie Bioökonomie

Um diese hochkomplexen Fragestellungen zu bearbeiten, wurde vom Wissenschaftsministerium im Jahr 2012 zunächst eine Expertenrunde einberufen, die den Stand des Wissens in Baden-Württemberg ermittelte und hieraus Empfehlungen für eine Forschungsstrategie abgeleitet hat. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: In den drei Themenfeldern Biogas, Lignozellulose und Algen sowie in dem neu einzurichtenden "Kompetenznetz Modellierung der Bioökonomie" werden nun 45 Teilprojekte in den nächsten Jahren von Forschergruppen aus dem ganzen Land bearbeitet. Das Wissenschaftsministerium fördert diese mit 13 Mio. Euro.

"Wir starten in Baden-Württemberg eine Bewegung, bei der Unternehmen und Forschungseinrichtungen intensiv an der Umsetzung der Bioökonomie im Land arbeiten werden. Wir von der BIOPRO Baden-Württemberg werden diesen Weg begleiten und unterstützen. Der Kongress ist der Startschuss, den alle relevanten Akteure gemeinsam bestreiten", erklärte Dr. Ralf Kindervater.

Konsummuster müssen sich ändern

Prof. Dr. Joachim von Braun, Vorsitzender des Bioökonomierats der Bundesregierung auf dem 1. Bioökonomie-Kongress Baden-Württemberg © BIOPRO Baden-Württemberg/Nils Wüchner

„Baden-Württemberg lehnt sich ziemlich weit aus dem Fenster und engagiert sich sehr früh in der Bioökonomie,“ so der Wissenschaftsmoderator Ingolf Baur zu Beginn des Kongresses. Ob und wie diese neue Wirtschaftsweise, bei der auf Erdöl und andere fossile Rohstoffe verzichtet und stattdessen auf nachwachsende Rohstoffe gesetzt werden soll, tatsächlich der Start in eine bessere Welt sein kann, wurde an beiden Tagen ausgiebig diskutiert.
Dass der Konsument eine wichtige Rolle bei der Etablierung einer neuen Bioökonomie spielen wird, wurde in einer ganzen Reihe von Statements während der zwei Tage deutlich. „Bioökonomie ist nicht nur eine Rohstoffstrategie. Es wäre absolut illusionär, die Nutzung der Energieressourcen durch Biomasse zu ersetzen. Es muss auch eine Änderung des Nutzungsverhaltens erfolgen.
Energieeffizienz ist ganz wichtig. Wertschöpfungsketten, besser noch Wertschöpfungsnetze müssen betrachtet werden. Konsummuster müssen sich ändern“, so Prof. Dr. Joachim von Braun, Vorsitzender des Bioökonomierats der Bundesregierung.

Auf die Frage des Moderators Baur, ob man es dem Konsumenten alleine überlassen solle, ob er nachhaltigere Produkte nachfragt oder ob die Politik steuernd eingreifen müsse, antwortete Ministerin Bauer: „Wir müssen es von beiden Seiten unterstützen. Verbraucherforschung ist hierfür sehr wichtig. Diese ist noch verbesserungsbedürftig, sowohl im Land wie auch in ganz Deutschland.“ Und dass der Kunde sich letztendlich doch oftmals für den niedrigeren Preis entscheidet, berichtete Werner Moser, der Verkaufsdirektor von Mattes & Ammann GmbH & Co. KG von seinen Erfahrungen. Der Textilproduzent von der Schwäbischen Alb schilderte die oftmals befremdliche Situation, dass in Verkaufsgesprächen die Einkäufer zunächst sehr viel Interesse und Sympathie für die Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit zeigten. Dieselben Gesprächspartner würden aber dann plötzlich ihre Haltung wechseln und harte Preisverhandlungen führen.

Die Podiumsdiskussionsteilnehmer des 1. Bioökonomie-Kongresses Baden-Württemberg (v.l.n.r.: Dr. Ralf Kindervater, Prof. Dr. Thomas Hirth, Ministerin Theresia Bauer, Ingolf Baur, Prof. Dr. Joachim von Braun). © BIOPRO Baden-Württemberg/Nils Wüchner

Optimaler Mix von regionaler Biomasse und Import

Prof. Dr. Thomas Hirth, Leiter des Fraunhofer IGB. © BIOPRO Baden-Württemberg/Nils Wüchner

Woher soll denn all die Biomasse für die neue Bioökonomie kommen? Diese entscheidende Frage wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion am Eröffnungstag intensiv diskutiert. Dr. Ralf Kindervater, Geschäftsführer der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH, verwies darauf, dass man sich auf biogene Abfälle wie beispielsweise Landschaftspflegegut konzentriere, da keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln entstehen soll.
Prof. Dr. Thomas Hirth, Institutsleiter des Fraunhofer IGB und gleichzeitig Vorsitzender des Strategiekreises Bioökonomie, ergänzte, dass der Import von Rohstoffen für Deutschland als rohstoffarmes Land schon wichtig sei. Es gälte, einen optimalen Mix aus regionalen Abfällen, Rohstoffen und Importen zu nutzen. Und er stellte die Frage: "Müssen wir die Biomasse als Energieträger nutzen? Wichtig ist eine stoffliche vor einer energetischen Nutzung.“

Auf die Frage des Moderators, ob die Landesregierung denn eventuell auch ihre relativ strikte Haltung gegenüber der grünen Gentechnik überdenken würde, falls diese für eine optimale Biomassebereitstellung nötig wäre, antwortete Theresia Bauer differenziert. „Ich persönlich finde, dass wir diese in unserer Landwirtschaft nicht brauchen. Aber im Labor und eventuell auch im Gewächshaus, also in geschlossenen Systemen, ist es sogar nötig. Mal sehen, ob wir da eventuell noch korrigieren müssen, in dem einen oder anderen Fall.“

Einige Unternehmen stellten auf dem Kongress ihre bereits entwickelten Konzepte für eine neue Rohstoffnutzung vor. So nutzt beispielsweise die Firma wet-green GmbH aus Reutlingen die Abfallblätter aus der Olivenölproduktion für einen neuen umweltschonenderen Gerbungsprozess von Leder. Die Firma Mattes & Ammann setzt unter anderem auf die Brennnessel als Ersatzfaserlieferant für die im Anbau wasserintensive Baumwolle. Erste Anbauversuche auf der Schwäbischen Alb und in der ungarischen Tiefebene waren so Erfolg versprechend, dass die Entwicklung weiter betrieben wird. Ein Konzept, das auch den Rohstofflieferanten in die Wertschöpfung miteinbezieht, stellte die Firma BARK CLOTH_europe vor. Das deutsch-ugandische Unternehmen hat eine uralte Tradition aus Uganda, die Herstellung von Vliesstoffen aus Baumrinde, wieder aufleben lassen.

Chancen und Risiken abwägen

Während der Podiumsdiskussion wurde auch auf Argumente von Kritikern der Bioökonomie eingegangen. So zitierte der Moderator beispielsweise eine Vertreterin des NABU Deutschland, es würde versucht mit Ingenieurskunst und technischem Fortschritt das zu reparieren, was von der Ingenieurswelt vorher zerstört wurde. „Dass sicher nicht nur die Ingenieurskunst alleine die Probleme lösen kann, stimmt, aber sie ist ein relevanter Faktor dabei. Ich sehe nicht, wer das sonst regeln soll,“ so Ministerin Bauer. Auch zur Kritik die biologische Schöpfung würde zu reinen Rohstofflieferanten umgewertet, nahm Bauer Stellung. „In der Zusammenarbeit von Lebenswissenschaften und Ingenieurswelt liegt eine besondere Chance. Und wie immer gilt es auch hier die Chancen und Risiken abzuwägen. Selbstverständlich verändern wir die Natur. Aber vielleicht entsteht auch ein respektvollerer Umgang mit der Natur als früher.“

Ausblick

Da Baden-Württemberg mit dem Start der Forschungsstrategie Bioökonomie erst am Anfang der Reise steht, wie Bauer anmerkte, sind bereits weitere Schritte geplant. So soll im Sommer 2016 eine neue Förderrunde ausgeschrieben werden, bei der sich sowohl neue Projekte als auch bereits bestehende um weitere Fördermittel bewerben können. Weiterhin sollen möglichst früh auch kleine und mittelständische Unternehmen an der Entwicklung der Bioökonomie beteiligt werden. „Von Beginn an soll der Austausch stattfinden. Auch die bereits erfolgten Stakeholder-Konferenzen sollen regelmäßig wiederholt werden. Um mehr zu verstehen, was konkret in Sachen Bioökonomie geht und um die Vernetzung weiter voranzutreiben,“ so Bauer in ihrer Eingangsrede.

Wichtige strategische Partner werden hierbei auch die Universität Hohenheim und die Landesgesellschaft BIOPRO Baden-Württemberg GmbH sein. „Ich begrüße ausdrücklich den Mut der Universität Hohenheim, die Bioökonomie als eigenen Schwerpunkt über die Fakultätsgrenzen zu setzen“. Gleichzeitig lobte die Ministerin auch die Aktivitäten der BIOPRO. „Die BIOPRO bringt zehn Jahre Erfahrung beim Transfer von Wissenschaft in die Wirtschaft mit. Daher ist es wunderbar, dass sich die BIOPRO nun diesem Thema verschreibt. Bioökonomie basiert ja nicht nur auf Rohstoffen, sondern auch auf Kommunikation und Vernetzung.“


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