Evolution weitaus schneller als bislang angenommen

In nur hundert Gene rationen in derselben Zahl an Jahren entwickelten Buntbarsche in Nicaragua eine völlig neue physische Eigenschaft: sehr ausgeprägte, dicke Lippen bei einer gleichzeitig schlankeren Kopfform. Diese Evolutionsprozesse, die Professor Dr. Axel Meyer, Inhaber des Lehrstuhls für Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz, in einem nicaraguanischen Vulkankratersee beobachtete, sind damit um ein Vielfaches schneller als gemeinhin angenommen. Das Forschungsteam aus Konstanz, Irland und Australien belegt mit seinen Untersuchungen, dass evolutionärer Wandel in nur wenigen Jahrzehnten möglich ist.

Hat aufgrund von Evolutionsprozessen innerhalb von 100 Jahren dicke Lippen bekommen: Buntbarsch aus einem Kratersee in Nicaragua. © Uni Konstanz

Die dicklippigen Fische besetzen eine andere ökologische Nische im selben See als ihre dünnlippigen Verwandten. Beobachtungen zeigen, dass dick- und dünnlippige Exemplare unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten aufweisen und es vermeiden, sich untereinander zu paaren - obwohl Laborexperimente beweisen, dass die beiden Fischarten sich noch immer kreuzen könnten. "Wenn sie untereinander die Paarung vermeiden, dann sind sie auf dem besten Weg, sich zu unterschiedlichen Arten zu entwickeln", erläutert Professor Meyer.

Die schlankere Kopfform der neuen Fischart ist ideal, um Insekten und Larven aus den Spalten des Vulkanfelsens zu fangen. Die aufgedunsenen Lippen polstern dabei Verletzungen durch scharfkantige Felsspitzen ab. Die dünnlippigere Art weist hingegen ein kräftigeres Gebiss mit zusätzlichen Zähnen auf, um die Gehäuseschalen der Schnecken aufzuknacken, von denen sie sich häufig ernähren.

"Es ist von großer Bedeutung, wenn Wissenschaftler neuentstehende Arten im Prozess ihrer Entstehung aufspüren, da es schwierig ist, diesen Prozess in Aktion zu beobachten. Diese neue Forschungsarbeit belegt Theorien aus den 1990er-Jahren, die annahmen, Arten könnten sich schnell ausdifferenzieren, auch wenn sie sich denselben Lebensraum teilen", kommentiert Evolutionsforscher Todd Streelman vom Georgia Institute of Technology in Atlanta die Ergebnisse aus Konstanz, die jüngst in der Zeitschrift BMC Biology veröffentlicht wurden.

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