Bioökonomie in Baden-Württemberg

Studie zeigt: Wertschöpfungskette hat noch Lücken

Unter Bioökonomie versteht man, biologische Ressourcen zu produzieren, zu nutzen und weiterzuverarbeiten. Baden-württembergische Unternehmen haben die Möglichkeiten erkannt, die nachwachsende Rohstoffe bieten. Eine aktuelle Studie zeigt allerdings: Es läuft noch längst nicht alles glatt.

Um biobasierte Produkte zu entwickeln und zu verbessern, sind hohe Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) nötig. Dies ist mit großen Unsicherheiten verbunden. Einige baden-württembergische Unternehmen haben den wachsenden Markt für biobasierte Produkte jedoch erkannt – sie investieren durchschnittlich rund 42 Prozent ihrer gesamten F&E-Aufwendungen in diesem Bereich und wollen diesen Anteil in Zukunft weiter erhöhen. Dies ist eines der Ergebnisse einer Umfrage unter potenziell für die Bioökonomie relevanten baden-württembergischen Unternehmen. Die Umfrage wurde von Verena Schneider in Kooperation mit der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH im Rahmen einer Masterarbeit an der Universität Hohenheim durchgeführt.

Bisherige Umsetzung weist großes Potenzial auf

Die Basis einer Bioökonomie sind nachwachsende Rohstoffe und Reststoffe. © Fotolia

Einige Unternehmen erzielen im Zuge ihrer Investitionen in F&E bereits stetig wachsende Umsätze mit biobasierten Produkten und Prozessen. Hier liegt der Anteil inzwischen bei rund 47 Prozent am Gesamtumsatz. Im Gegensatz dazu beschäftigt sich etwa die Hälfte der Umfrageteilnehmer bislang gar nicht mit dem Thema Bioökonomie.

Um ihre Geschäfte mit biobasierten Produkten und Prozessen voranzutreiben, arbeiten die baden-württembergischen Unternehmen häufig mit anderen Unternehmen zusammen. Damit der Forschungsaufwand nicht komplett alleine gestemmt werden muss, kooperieren insbesondere größere Unternehmen oftmals auch mit Universitäten und Hochschulen.

Wirtschaftliche Faktoren als wesentliche Treiber

Fragt man die Unternehmen nach dem ursprünglichen Anstoß, sich mit biobasierten Produkten und Prozessen zu beschäftigen, werden überwiegend marktbezogene Entwicklungen angeführt. Es geht den Unternehmen vor allem darum, damit wettbewerbsfähiger zu werden, die Umsätze zu steigern und neuartige Produkte zu entwickeln. Der Druck, der in diesem Zusammenhang von außen auf die Unternehmen einwirkt, geht überwiegend von gesamtwirtschaftlichen Trends wie der Ölpreisentwicklung und von Änderungen im Konsumverhalten aus. Biobasierte Produkte und Prozesse ins Portfolio aufzunehmen, scheint damit momentan eher vom Konsumenten als von der Politik motiviert zu werden. Ein weiterer Grund, sich mit biobasierten Produkten und Prozessen zu beschäftigen, liegt für die Unternehmen in völlig neuen, sich eröffnenden technologischen Möglichkeiten.

Große Unterschiede entlang der Wertschöpfungskette

Entlang der Wertschöpfungskette lassen sich grob vier Branchengruppen als vier hintereinander angesiedelte Stufen unterscheiden. Dies sind auf der ersten Stufe die Rohstofflieferanten, auf der zweiten die direkten Nutzer dieser biologischen Rohstoffe, auf der dritten die Nutzer der vorangehend entstandenen biobasierten Produkte sowie auf der vierten die Dienstleister. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die biobasierten Produkte und Prozesse von der zweiten zur dritten Wertschöpfungsstufe nur zögerlich durchdringen (siehe Abbildung). Offenbar gibt es Hürden, die die Entwicklung an dieser Stelle stocken lassen.

Während nur 9,1 Prozent der Unternehmen auf der ersten Stufe angeben, noch gar nichts mit biobasierten Produkten und Prozessen zu tun zu haben, sind dies auf der dritten Stufe 67,1 Prozent. Es fällt zudem auf, dass externe Einflussfaktoren wie Rohstoffkosten für Unternehmen dieser dritten Stufe ein größeres Hindernis darstellen als für die der anderen drei Stufen. Entlang der Wertschöpfungskette gibt es darüber hinaus Unterschiede, welche Einflussfaktoren als förderlich für Geschäfte mit biobasierten Produkten angesehen werden. Für Unternehmen auf der ersten und zweiten Stufe gelten vor allem marktbezogene Faktoren wie höhere Umsätze als Treiber. Dagegen werden Unternehmen der dritten und vierten Stufe überwiegend durch die Möglichkeit angetrieben, neuartige Produkte zu entwickeln. Für sie scheint damit vor allem wichtig zu sein, sich neue Geschäftsfelder durch das Engagement im Bereich der Bioökonomie zu erschließen.

Die vier Stufen der Wertschöpfungskette © Verena Schneider

Gegenwärtige Gesetzgebung wird als eher hinderlich wahrgenommen

Hinsichtlich der Rahmenbedingungen für Geschäfte mit biobasierten Produkten und Prozessen schätzen die befragten Unternehmen bestehende Gesetze mehrheitlich als hinderlich ein. Dabei wird die EU-Gesetzgebung als etwas hinderlicher wahrgenommen als die nationale und die baden-württembergische Gesetzgebung. Dennoch halten gerade die Unternehmen auf der ersten und zweiten Stufe der Wertschöpfungskette den Durchbruch ihrer biobasierten Produkte im Markt nur mithilfe von Gesetzen für möglich. Es könnte daher sinnvoll sein, bestehende Gesetze anzupassen. Neben Gesetzen spielen auch politische Fördermittel eine wichtige Rolle. Als am wichtigsten werden hierbei nationale Fördermittel angesehen. Insgesamt wünschen sich über die Hälfte der Umfrageteilnehmer zusätzliche politische Fördermaßnahmen wie beispielsweise Förderprogramme und Gesetze. Die Unternehmen sind selbst aktiv – sie erwarten aber im Gegenzug von der Politik, dass sie entsprechende Rahmenbedingungen schafft.

Konsumentenbewusstseinswandel und Innovationspotenzial als Ansatzpunkte

Holzabfall aus einer Sägemühle – wertvolle Biomasse. © Bächtle

Insgesamt steht die Rohstoffwende von nicht-nachwachsenden zu nachwachsenden Rohstoffen in baden-württembergischen Unternehmen noch relativ am Anfang. Einige Unternehmen, die sich bereits mit biobasierten Produkten beschäftigen, sind zwar schon sehr weit. Etwa die Hälfte der Umfrageteilnehmer hat bislang allerdings gar keinen Bezug dazu.

Große Chancen für zukünftige Geschäfte liegen für Unternehmen im sich wandelnden Bewusstsein der Konsumenten dahingehend, dass sie immer größeren Wert auf Nachhaltigkeit legen. Damit gehen eine größere Nachfrage nach biobasierten Produkten und eine höhere Zahlungsbereitschaft dafür einher. Zudem eröffnet die Bioökonomie den Unternehmen ganz neue technologische Möglichkeiten, die zu neuartigen Produkten und Prozessen führen.

Um möglichst optimale Rahmenbedingungen zu schaffen, kann die Politik Gesetze und Fördermittel anpassen. Zudem kann sie darauf hinwirken, insbesondere kleine Unternehmen stärker mit Universitäten und Hochschulen zu vernetzen. Um die Vernetzung der bioökonomischen Akteure zu steigern, sind auch Verbände gefragt. Nicht zuletzt könnte Aufklärungsarbeit dazu beitragen, die tatsächliche Leistungsfähigkeit biobasierter Produkte bekannt zu machen und damit den wünschenswerten Vormarsch biobasierter Produkte zu unterstützen.

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