Vektor-Pharma: Wenn Pharmazie und Maschinenbau eine Ehe eingehen

Wirkstoff-Pflaster und therapeutische Filme entwickeln und herstellen will die Vektor-Pharma. Im jungen Unternehmen sind Pharmazeuten und Maschinenbauer eine Art symbiotische Beziehung eingegangen und gerade dabei, ein erfolgreiches Geschäft aufzubauen. Transdermale therapeutische Systeme (TTS), wie der Fachjargon diese Pflaster nennt, lassen sich mit solch interdisziplinärer Synergie schneller, effektiver und kostengünstiger entwickeln und herstellen. Damit können sie nach Überzeugung der Firmengründer mit festen Arzneiformen wie Tabletten, Kapseln oder Pillen konkurrieren. Diese Form der Darreichung funktioniert nicht bei allen Wirkstoffen, doch aber bei vielen, oft hochwirksamen Pharmaka.

Maschinenbau und Pharmazeutische Entwicklung unter einem Dach., v. l. Dr. Thomas Beckert, Roland Weber und Manuel Bea. Es fehlt Dr. Stefan Müller. © Pytlik

Bedarf für Leistungen wie sie Vektor-Pharma anbietet, gibt es. Der Markt für transdermale therapeutische Systeme wächst mit bis zu 15 Prozent schneller als der herkömmliche Pharma-Markt. 25 Wirkstoffe können derzeit nach Firmenangaben durch die Haut verabreicht werden, weitere werden getestet; das Potenzial liege noch höher.

Bis auf wenige Ausnahmen, wo Pharma-Unternehmen die Fertigungstechnologie selbst vorhalten, teilen sich den globalen Markt gerade mal zwei Hand voll Dienstleister auf. Europa und insbesondere Deutschland gelten als Technologie- und Marktführer dieses Bereiches, der sich erst vor rund 30 Jahren systematisch auszudifferenzieren begann. Als Kunden kommen für das neue Unternehmen grundsätzlich all diejenigen Pharma-Unternehmen in Frage, die ihren bekannten Wirkstoff auf neue, transdermale Art verabreichen wollen. 

Hinter Pflaster steckt komplexe Fertigungstechnik

Transdermales System als Schmerzpflaster. Die Wellenform (CUT) hilft dem Patienten beim Abziehen des wirkstoffbeladenen rechteckigen Pflasters. © Pytlik

Oberflächlich betrachtet bestehen wirkstoffhaltige Pflaster aus Trägerfolie, Pflastergrundmasse plus Pharmakon und Abdeckfolie. Tatsächlich sind die heute gebräuchlichen zweiphasigen Systeme Ergebnis komplexer pharmazeutischer Fertigungstechnik. Der in ‚Reservoirs' eingebundene Wirkstoff wird sozusagen von einer ihn umschließenden äußeren Matrix ‚eingesperrt'. Zwischen innerer und äußerer Phase besteht ein Gleichgewicht unterschiedlicher Löslichkeit. Solange das Pflaster nicht auf der Haut klebt, bleibt der Wirkstoff eingeschlossen und wird erst freigesetzt, wenn das Pflaster klebt. Aus dem inneren Reservoir wird der Wirkstoff in der Folge an die äußere Matrix nachgeliefert.

TTS geben den Wirkstoff gleichmäßig und kontinuierlich ins Blut ab. Davon profitieren multimorbide Patienten der Geriatrie, die oft eine Vielzahl von Arzneimitteln zu sich nehmen müssen. Die Darreichungsform lässt sich genau auf den nötigen Wirkstoffspiegel des Patienten einstellen, benennt Geschäftsführer Thomas Beckert den Versorgungsnutzen, den er für Indikationen altersbedingter Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer oder auch Schmerz sieht. Aus pharmakologischer Sicht vorteilhaft ist diese Form der Wirkstofffreigabe auch, weil sie den ‚First-Pass-Effekt’ vermeidet. Darunter versteht man die oft mit Nebenwirkungen verbundene Verstoffwechselung eines Wirkstoffs in der Leber nach seiner Aufnahme im Magen-Darm-Trakt.

Synergie: Fertigung günstiger, flexibler und kleiner

Neu konstruiertes Laborgerät, das die Wirkstofffreisetzung von transdermalen Systemen simuliert. © Pytlik

Wenn wie bei Vektor-Pharma Pharmazeuten und Maschinenbauer ihre gewöhnlich fein säuberlich getrennte Expertise zu einem Geschäftsmodell entwickeln, entsteht daraus eine wettbewerbsfähige pharmazeutische Fertigungstechnologie: „Unsere Trümpfe sind die Herstellungskosten, die Flexibilität und die geringe Größe", sagen die vier Firmengründer. Ihr synergistisches Know-how steckt in Maschinen, die sie effizienter als die vorwiegend in Deutschland und Europa ansässige Konkurrenz machen.

Maschinen zur Herstellung transdermaler Systeme füllen gewöhnlich mehrere Räume, bestehen aus mindestens zwei Einheiten von zehn bis 15 Metern Länge. „Unsere gesamte Einheit ist zwölf Meter lang" berichten die Firmengründer und lassen durchblicken, dass ihre Eigenentwicklung sogar vor Ort zur Produktion zu einem Pharma-Kunden aus der Region umgezogen werden kann. Sehen dürfen diese miniaturisierte und optimierte Fertigungstechnik allenfalls Kunden aus dem Bereich der generisch produzierenden Pharma-Unternehmen. Kostspielige, aber notwendige Patentierungen stehen an, um den Entwicklungsvorsprung des oberschwäbischen Start-ups zu sichern.

Hier sprechen Pharmazeuten und Maschinenbauer dieselbe Sprache

Medikamenteneinnahme ohne Schlucken mit schnell zerfallenden Filmen: Blättchen wird abgezogen, auf die Zunge gelegt, dort zergeht es schnell und setzt eingelagerten Wirkstoff frei. © Pytlik

Es ist kein Zufall, dass sich ein Unternehmen wie Vektor-Pharma in Oberschwaben gegründet hat, in einer Region, die eine Fülle international äußerst erfolgreicher Unternehmen in Pharma und Maschinenbau hervorgebracht hat. Und doch liest sich die Neugründung wie eine Bilderbuchgeschichte, wie sie Wirtschaftsförderer nicht besser hätten schreiben können. Zwei Pharmazeuten und zwei Maschinenbauer entdecken Schnittmengen, erkennen darin wirtschaftlichen Mehrwert und gründen ein Unternehmen, das gut oberschwäbisch komplett eigenfinanziert ist.

Zum Gründerquartett zählt zuvörderst der 45-jährige promovierte Pharmazeut Thomas Beckert, der seit Ende 2009 die Geschäfte des inzwischen auf neun Mitarbeiter angewachsenen Unternehmens führt. Der Apotheker bekleidete Führungspositionen in der Pharma-Industrie, häufte dort viel Expertise zu TTS und kontrollierter Wirkstoffabgabe an und brachte in das neue Unternehmen eine besondere Form von Kapital mit, ein dicht geknüpftes weltweites Netzwerk von Kontakten und Beziehungen.

Zweiter Gründer ist Roland Weber. Der Industriemechaniker mit Zusatzqualifikation Maschinenbautechniker hat bei einem großen Mittelständler der Region besten Einblick in Entwicklung und Kleinserienbau gewonnen. Für die pharmazeutische Entwicklung zuständig zeichnet der Maschinenbautechniker Manuel Bea. Das Quartett vervollständigt der promovierte Apotheker Stefan Müller, der über große Erfahrung in der Pharma-Industrie verfügt und im neuen Unternehmen die Analytik verantwortet.

Doppelte Kompetenz: Zwei Qualified Persons

Gerade in der Zeit nach der Gründung kam dem Uttenweiler Unternehmen zugute, dass es mit Beckert und Müller zwei „qualified persons“ in seinen Reihen hat. Diese sachkundigen Personen sind verantwortlich für Arzneimittel von ihrer Herstellung über die Prüfung bis hin zur Freigabe unmittelbar vor dem Inverkehrbringen. Diese seltene Expertise hat der jungen Firma rasch einige Aufträge aus dem Süddeutschen beschert und den finanziellen Grundstock für die weitere Entwicklung gelegt. Über Kunden ist das junge Unternehmen bereits in die pharmazeutische Fachpresse gelangt. Mit Entwicklungspartnern aus der Pharma-Industrie entwickelt Vektor-Pharma gerade „zwei größere Projekte“, die das finanzielle Polster für den Ausbau der eigenen Kernkompetenzen liefern. Denn das „Ziel ist natürlich die eigene Produktion, die wir schon gedanklich vorbereiten“, sagt Geschäftsführer Beckert.

Gemeldet ist das Start-up bereits als entwickelndes Unternehmen, wie es das Pharmarecht vorschreibt. Als nächster Schritt ist die Erlangung einer Erlaubnis zur Freigabe von Produkten (durch qualified persons) ins Auge gefasst, dann sollen die Erlaubnis zum Betreiben pharmazeutischer Analytik und schließlich die komplette Herstellerlaubnis folgen. Als mittelfristiges Ziel hat das Gründerquartett ein Unternehmen mit etwa 50 Mitarbeitern mit kleiner pharmazeutischer Entwicklung und Produktion anvisiert.

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