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18.05.2009

Biodiversität schützen und nützen. ... mit welcher Gentechnik?

Für den Erhalt der Obstvielfalt sowie den züchterischen Zugang zu den genetischen Pflanzenressourcen brauchen Erwerbsobstbauern in der Bodenseeregion nicht Technologie-Transfer, sondern -Dialog. Katalysatoren des Wandels sind heute die Satelliten von Universitäten, kleine Biotechnologieunternehmen mit Sympathie für ökologische Anliegen und heimatverbundene Vereine.

In vielen Ländern (z.B. Deutschland, Niederlande, USA, Korea) hat man bereits transgene Obstpflanzen entwickelt. Dabei werden artfremde Gene mit den gewünschten Eigenschaften in das Genom der Zielpflanze eingebaut. Hierzulande zeigen die Obstbauern jedoch wenig Interesse an solchen Pflanzen. Alternativ dazu verfolgt man am sächsischen Institut für Züchtungsforschung an Gartenbaulichen Kulturen und Obst in Pillnitz (Flachowsky 2009), einer Bundesanstalt, den Ansatz cis-eigene Gene, also Gene der eigenen Art, mit Hilfe des molekularen Gentransfers direkt in den sogenannten Elite-Genotyp einzubauen. Wenn der Gentransfer in den Plastiden und nicht im Zellkern erfolgt, bleibt überdies die Sortenidentität trotz Modifikation erhalten. Das geht viel schneller als 20 oder 25 Jahre, die eine klassische Züchtung dauert. Der Mechanismus des Genaustauschs ist überdies derselbe wie bei natürlicher Kreuzung (vgl. Wackernagel 2002). Und was ist hier noch ”natürlich”? Eine Erhebung der Schweizerischen Kommission für die Erhaltung von Kulturpflanzen (SKEKA) ergab jüngst, dass 83% der Schweizer Flora von Wildarten gebildet wird, die mit Kulturpflanzen verwandt sind. Züchtungen sind ein Teil der Pflanzenvielfalt, ebenso wie Kulturpflanzen auswildern oder aus Wildtypen selektioniert werden.

Sortenzüchtung ist keine isolierte Pflanzenbetrachtung

In den praxisnahen Forschungssatelliten, dem KOB in Oberschwaben und dem Agroscope Wädenswil setzt man Grüne Biotechnologie bislang dosiert ein: Neuzüchtungen erfolgen per Handbestäubung und markergestützter Selektion. Welche Methode man denn auch wählen mag, um Sorten aus verwandten Arten zu erzeugen, eine Einsicht hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter allen Beteiligten – Erwerbsobstbau, Industrie, Biotechnikwissenschaft – durchgesetzt: Sortenzüchtung ist keine isolierte Pflanzenbetrachtung.

Die Natur hat bereits viel Nützliches entwickelt, und die Biodiversität ist ein erhaltenswerter Schatz (United Nations 1993; FAO o.J.). Eine nachhaltige Agronomie muss deshalb Ökonomie mit Ökologie verbinden. 166 von 191 Staaten, darunter Deutschland, die Schweiz und Österreich, haben bislang entsprechende Nationale Aktionsprogramme implementiert. Träger der Umsetzung sind freilich nicht die üblichen ”Innovatoren”, sondern praxisnahe Außenstationen von Universitäten und Vereine wie FRUCTUS, Pro Specie Rara oder SKEKA, die abseits des wissenschaftlich-technischen Mainstream mit viel Laien-Engagement arbeiten. Hier hat man Genbanken und Feldsammlungen seltener Obstarten aufgebaut, die interessierten Forschern offen stehen.

In der Schweiz gibt es mittlerweile rund 25 Obstsammlungen, darunter eine der renommiertesten in Roggwil im Thurgau. Diesen Netzwerken ist es zu verdanken, dass man heute mehr über die Obstvielfalt weiß. Allein bei Äpfeln zählte die Nationale Datenbank der Schweiz im April 2009 2.334 verschiedene Sorten. Hinzu kommen Dutzende weitere, noch nicht näher bestimmte Muster. Pro Jahr können nur wenige Dutzend Sorten eindeutig klassifiziert werden, denn solange molekulargenetische Tests nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Genpool erfassen, kommt man mit morphologischen und phänologischen Bestimmungsmethoden nur langsam voran.

Wie bei einem guten Orchester braucht es auch beim Erhalt und der Nutzung der Obstvielfalt des Zusammenspiels. Beim Einkreuzen krankheitsresistenter Wildarten gehen häufig produktions- und verbraucherrelevante Eigenschaften verloren. Die Sorten eigenen sich eher für Streuobst und Kleingärten als den Erwerbsobstbau (BMELV 2008b:15ff), wie das Beispiel des Malus floribundes (Sorte Florina) zeigt. Die Konsumenten goutieren nicht den wenig anregenden Geschmack. Die neuen Sorten haben eine weit geringere Lagerfähigkeit, benötigen also mehr chemische Nachbehandlung. Das aber lehnen Obstvermarkter und der Handel ab. Die Resistenz gegen die eine Krankheit kann ein Obst anfälliger für eine andere Krankheit machen und damit mehr Pestizideinsatz erfordern. Das aber lehnen alle Beteiligten inklusive der Landwirte ab. Prof. Cesare Gessler, Forscher am Institut für Pflanzenpathologie, ETH Zürich und wissenschaftlicher Direktor des Trentiner Centro SafeCrop plädiert für den Einsatz der Gentechnologie. Damit will er drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Züchtung von krankheitsresistentem, geschmackvollen und zugleich anbauoptimiertem Kernobst.

Technologie-Dialog statt -Transfer

Jenseits der vielen noch offenen Fragen hat sich eines im Obstbau bereits deutlich geändert: Es weht ein frischer Wind in der Einstellung zu Biotechnologie und Gentechnik. Bei den Biologen, Biochemikern und Agraringenieuren hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Viele haben in der Ausbildung gelernt, was bio- und gentechnologische Methoden sind, was sie leisten und was sie nicht können. Die neue Generation braucht nicht mehr die Bevormundung durch Ideologen und das Feindbild von – wie es einer der Beteiligten ausdrückt: ”Monsanto und den bösen Konzernen, die die Welt erorbern und indische Bauern knechten”. Im engen Kontakt mit der Praxis setzt sich diese Generation vom üblichen Technologietransfer – hier die kluge Wissenschaft, dort die tumbe Praxis – ab. Im Dialog lernt sie vom Erfahrungswissen der Obstkundler und Landwirte, Grüne Biotechnologie besser und nachhaltiger einzusetzen.
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Wolf G Kroner (13.05.09) - 18.05.2009

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