-»Diese Ausgabe ist für Browser ohne zureichende CSS-Unterstützung gedacht und richtet sich vor allem an Sehbehinderte. Alle Inhalte sind auch mit älteren Browsern voll nutzbar. Für eine grafisch ansprechendere Ansicht verwenden Sie aber bitte einen moder
Beginn Sprachwahl
Beginn Inhaltsbereich
Beginn Navigator
Ende Navigator
Der Zebrafisch ist Forschers Liebling. Naturwissenschaftler wie Evolutionsbiologen, Neurobiologen oder Toxikologen nutzen das Wirbeltier häufig für ihre Studien. Wolfgang Rottbauer hat die Zebrabärblinge als Modell für kardiovaskuläre Erkrankungen entdeckt und etabliert. Dem Ulmer Kardiologen hat dies einigen Forscher-Lorbeer beschert. Am Anfang aber dominierten Skepsis und Unkenrufe aus der Mediziner-Zunft, erinnert sich der 44-Jährige.
„Danio rerio" aus der Familie der Karpfenfische ist für Forscher so interessant, weil sich seine Embryonen rasant entwickeln und dabei transparent bleiben, so dass sich ihre gesamte Entwicklung unter dem Lichtmikroskop verfolgen lässt. Binnen 72 Stunden erreichen diese Fische das Entwicklungsstadium einer neugeborenen Maus oder eines neugeborenen Menschen. „Für das Herz ist das beeindruckend, man sieht direkt das Herz, das ist wie ein Herz-Ultraschall", sagt Rottbauer. „Nur wenige Sekunden in einem Screen sind nötig, um eine Erkrankung zu erkennen."
1998 beginnt Rottbauer als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Mark Fishmans Labor in Boston und betritt Neuland. Fishman ist Medizin-Professor an der Harvard Medical School und Chef-Kardiologe am Massachusetts General Hospital. Seine auf Kardiologen-Kongressen mäßig besuchten Vorträge über die Forschung am Zebrafisch haben Wolfgang Rottbauer fasziniert, der seinem Chef Hugo Katus inzwischen an die Uniklinik Lübeck gefolgt ist. Dass sein bisheriger und künftiger Chef in Boston gemeinsam ihre Postdoc-Zeit verbrachten, beschleunigt die Sache, ein DFG-Stipendium tut sein Übriges.
Rottbauer steigt in die Humangenetik ein, identifiziert Familien und betreut diese im klinischen Alltag. Aber die Gene, die er untersucht, sind nicht annotiert, niemandem bekannt. Nach zwei Jahren stößt Rottbauer (wie wahrscheinlich viele andere) an die Grenzen der Humangenetik; es fehlen Modelle, Familien liefern oft ungenaue Ergebnisse. Rottbauer beginnt sich für genetische Modellorganismen zu interessieren, um in der Forschung weiter zu kommen. Zu dieser Zeit gibt es Drosophila-Modelle, die Tübinger Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard aber wendet sich gerade dem Zebrafisch zu, dem ersten Vertebraten-Modell, erinnert sich Rottbauer.
In Fishmans Labor ist er der einzige Mediziner unter Naturwissenschaftlern. Ihn treibt die Sorge um, ob er sich nicht zu weit in die Grundlagenforschung eingräbt und immer mehr von der klinischen Tätigkeit entfernt. Der deutsche Nachwuchsforscher bleibt vier Jahre in Boston, geplant waren zwei. Doch bei seiner Rückkehr nach Heidelberg weiß Rottbauer, dass er „das Modell-System beherrscht". Er hat Ergebnisse, die ihn bestärken, dass sich der Zebrafisch zur Erforschung genetischer Aspekte von kardiovaskulären Erkrankungen eignet. Die dahinter liegende Genetik hatte er in Boston komplett etabliert, das Zebrafisch-Genom war sequenziert; mit einem Mal waren alle Instrumente zur Hand um fortzuführen, was im Menschen nicht mehr möglich war: systematisch Gene zu identifizieren, die Phänotypen oder Erkrankungen im Herz-Kreislauf-System hervorrufen.
Für Wolfgang Rottbauer erfüllte sich ein Traum, weil die Genetik des Zebrafisches komplett kontrollierbar wurde. „Wir können jedes Gen ‚treffen', wenn wir die Dosis des (chemischen) Mutagens entsprechend wählen. Damit, so Rottbauer, ist „jede Herzerkrankung, die genetisch erzeugbar ist, im Fisch erzeugbar". Der Ulmer Mediziner verfügt über mehrere Hundert dieser herzmuskelerkrankten Zebrafische; durch genetische Analysen weiß er, dass jede dieser Mutanten einzigartig ist. Es schwingt Genugtuung in seiner Stimme mit, wenn er sagt: „Heute wissen wir, dass die im Fisch identifizierten Genloci humane Krankheitsrelevanz haben. Das konnten wir vielfach zeigen und belegen."
Natürlich hat das kardiologische Modell Zebrafisch seine Grenzen, eignet sich für Erkrankungen des Herzmuskels, für alle Formen von Herzrhythmusstörungen, aber nicht für Herzdurchblutung, bildet damit „einen Großteil der klinisch relevanten Erkrankungen ab". Auf „sein" Modell kann und will sich Rottbauer nicht versteifen. „Wer intelligent forschen will, muss in größere Tiermodelle, von der Maus aufwärts, um die Pathophysiologie am Säuger zu untersuchen. Ich bin Arzt, das kann ich gar nicht leugnen. Diese Translation muss immer angestrebt werden", sagt der Kardiologe.
Auch zwei Mutanten für das Long und Short QT-Syndrom entdeckte Rottbauer über seinen Modellorganismus. 2009 stießen Rottbauer und sein Team über die sogenannte Reverse-Genetics-Methode auf das bislang unbekannte Protein Nexilin. Es sitzt an zentraler Stelle in den Herzmuskelzellen und erzeugt dort mechanische Stabilität. „Das war völlig neu, über Mechanik hatte niemand nachgedacht", alle Überlegungen liefen auf molekularer Schiene, beschreibt Rottbauer den überraschenden Fund. Auch die Suche im Menschen war erfolgreich: Auch diese litten an Herzmuskelerkrankungen, auch diese zeigten denselben Phänotyp, völlig zerrissene Z-Scheiben. (Hassel D, Dahme T,et al: Nexilin mutations destabilize cardiac Z-disks and lead to dilated cardiomyopathy. Nature Medicine 2009, 15:1281-1288)
Nach 13-jähriger Beschäftigung mit dem Modell Zebrafisch richtet der Kardiologe inzwischen den Blick auf therapeutische Zielstrukturen, führt das, was als Grundlagenforschung begonnen hat, in medizinisch relevante Gefilde. „Wir betrachten heute nicht mehr einzelne Mutanten, sondern die Netzwerke der Mutanten. Wir kennen alle Signalwege der Mutanten, die wir isoliert haben, wir legen jetzt diese Signalwege übereinander, betreiben Bioinformatik, identifizieren dort die Knotenpunkte, wollen wissen, wo alles zusammenläuft." Mit dem Europäischen Zebrafischforschungszentrum in Karlsruhe entwickelt Rottbauers Team robotische Technologien, die diese Abertausenden von Mutanten in Mikrotiterplatten sortieren und mit ‚small compounds' inkubieren. „Mit heutigen Hochdurchsatzverfahren können wir es uns erlauben, eine Million Hypothesen zu formulieren. Das ist im Modellorganismus Maus unmöglich. Das lässt sich in Zellkultur und im Zebrafisch abbilden."

Beginn Hauptnavigation
Ende Hauptnavigation
für Unternehmen und Forschungseinrichtungen