Hohenheimer Projekt schafft Transparenz in der Viehwirtschaft
Die jüngsten Lebensmittelskandale zeigen, wie wichtig eine möglichst lückenlose Rückverfolgbarkeit und Qualitätssicherung unserer Nahrung ist. Dafür werden in einem Verbundprojekt die wissenschaftlichen Grundlagen erarbeitet und es wird ein komplexes IT-System entwickelt.
Es begann mit einer Zeitungslektüre. Kirsten Brockhoff von IBM Deutschland las einen Artikel über das Life Science Center (LSC) der Uni Hohenheim und nahm Kontakt mit der Geschäftsführerin Dr. Caroline Liepert auf. Im Laufe der nächsten Monate entstand an der Uni Hohenheim fakultätsübergreifend und in Zusammenarbeit mit IBM ein Konzept, wie mithilfe modernster IT-Technologie ein System zur Rückverfolgung und Qualitätssicherung von Agrarprodukten entwickelt werden könnte.
Dieses Konzept überzeugte auch das BMBF - das Projekt wird über drei Jahre gefördert. Rund zwei Millionen Euro gehen an die Uni Hohenheim, die das Vorhaben koordiniert. Mit dabei sind 30 Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und von öffentlichen Einrichtungen. Ein derart komplexes Projekt muss natürlich akribisch organisiert werden. Diese Aufgabe teilt sich der Projektvorstand, in dem neben Kirsten Brockhoff drei Vertreter der Uni Hohenheim tätig sind: Prof. Dr. Thomas Jungbluth vom Institut für Agrartechnik, Prof. Dr. Reiner Doluschitz vom Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre als wissenschaftlicher Projektleiter und Dr. Caroline Liepert vom LSC, die die koordinatorische Leitung übernommen hat.
Der ganzheitliche Ansatz
Ziel ist es, die gesamte Produktionskette von tierischen Lebensmitteln aus der Landwirtschaft zu erfassen. Dazu gehört nicht nur das Schicksal der Tiere, die schließlich auf dem Teller landen, sondern zum Beispiel auch die Rückverfolgung und Qualitätssicherung von Futtermitteln unterschiedlichster Art. Dank gesetzlicher Auflagen ist das bei Kraftfutter zum Teil heute schon möglich, aber Grassilage und andere Raufutter für Wiederkäuer sind noch nicht bis zum Rohprodukt verfolgbar. In einem Teilprojekt erarbeitet die Landesanstalt für Landwirtschaftliche Chemie an der Uni Hohenheim die dafür nötige Datengrundlage.

Lückenlose Rückverfolgbarkeit macht Fleisch sicherer. (Bild: obs/ErlebnisBauernhof)
Ein weiteres Teilprojekt befasst sich mit der automatischen Datenerfassung, die zu einer Optimierung der Tierhaltungssysteme führen soll. Nichts bleibt unberücksichtigt, selbst an Spracheingabesysteme ist gedacht. Mit ihnen soll die Datenerfassung effizienter werden - wer gerade beide Hände zum Melken braucht, kann dann trotzdem ohne Zeitverzögerung Informationen eingeben.
Kontrolle ist das A und O
Gemeinsam mit der Tierärztlichen Hochschule in Hannover erarbeitet die Hohenheimer Fachgruppe Tierhygiene ein Kontrollsystem zur Zoonosen-Prävention. Damit soll bei Befall schon frühzeitig Alarm gegeben und ein massenhaftes Ausbreiten verhindert werden. Wertvolle Unterstützung bekommt das Projekt bei derartigen Fragestellungen von praktischen Tierärzten, zu denen die Landestierärztekammer den Kontakt vermittelt. Die Kammer steuert damit einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Projekts bei.
Neben den wissenschaftlichen Herausforderungen gibt es eine ganze Reihe von übergreifenden Themen, die auch wirtschaftliche und soziale Aspekte umfassen. So soll zum Beispiel ein Bewertungsrahmen für Zulieferer aufgestellt werden und Tiertransporte sollen in einem EDV-gestützten Lieferantenbewertungssystem erfasst werden. Aber auch verbrauchernahe Wirtschaftszweige wie die Systemgastronomie sind involviert. So wird im Rahmen des Verbundprojekts auch ein System zur Qualitätssicherung bei Großküchen erarbeitet.
Um alles möglichst nachhaltig zu gestalten, wird eine Kosten- und Nutzenanalyse des Gesamtsystems erstellt. Damit es allgemein akzeptiert wird, müssen alle Beteiligten profitieren, der Nutzen muss also auf alle Glieder in der Produktionskette verteilt werden. Last but not least wird ein Nachhaltigkeitskonzept integriert, bei dem der volkswirtschaftliche, der soziale und ökologische Nutzen des Systems für die Allgemeinheit festgestellt werden sollen.
Hinter allen Konzepten und Einzelmaßnahmen verbirgt sich das komplexe IT-System, das als Rückgrat alle Bereiche verbindet. Es wird von IBM als offenes integratives System entwickelt. Im Prinzip soll dieses System für alle zugänglich sein, wobei es der stark segmentierte Aufbau erlaubt, partitionierte Zugangsrechte zu vergeben. So können Landwirte zum Beispiel sicher sein, dass Konkurrenten nicht ohne Berechtigung über das web-basierte Portal auf ihre Daten zugreifen können.
Langfristig denken, Etappenziele definieren
Die genannten Beispiele lassen bereits vermuten, dass es angesichts der Komplexität wohl kaum möglich sein wird, am Ende der drei Jahre ein perfektes System zu präsentieren. Aber das ist auch gar nicht die Absicht der Initiatoren. „Wir haben in drei Jahren bestimmt noch kein allumfassendes Gesamtsystem, aber wir können bis dahin Beiträge sammeln und Lücken aufzeigen, die es dann zu schließen gilt. Wir haben das Glück, sehr zielorientiert agierende Wirtschaftspartner dabei zu haben, die uns entscheidend dabei helfen werden, Meilensteine zu erreichen“, so das Statement des wissenschaftlichen Leiters Prof. Dr. Reiner Doluschitz.
Die Projektgruppe ist im Übrigen auch nach dem Projektstart noch offen für weitere Partner. „Wir hatten jüngst den Fall, dass sich zwei Schlachtereien für das Projekt interessierten, die es aus eigenem Interesse begleiten wollten“, sagt Doluschitz und begrüßt es, wenn durch die Projektarbeit weitere beziehungsweise engere Kontakte in die Wirtschaft geknüpft werden. Hochschulintern ist das Projekt auch für Studenten hoch interessant, fallen im Laufe der nächsten Jahre doch laufend Themen für Studien- und Abschlussarbeiten an. „Hier wird nicht für die Schublade gearbeitet, im Rahmen des Projekts werden spannende, aktuelle und angewandte Fragestellungen geboten“, betont Doluschitz.
leh - 04.08.2006
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Weitere Informationen:
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