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10.07.2010

Membranproteine

Rund dreißig Prozent der Proteine einer Zelle sitzen in oder an einer biologischen Membran. Zahlreiche Krankheiten resultieren aus Defekten in diesen Molekülen. Etwa die Hälfte aller Medikamente, die die Pharmaindustrie in Zukunft entwickeln wird, wird Schätzungen zufolge an den verschiedenen Membranen einer Zelle angreifen. Eine biologische Membran biochemisch zu untersuchen ist indes nicht einfach. Aus allen diesen Gründen steht dieser Zellbestandteil im Fokus vieler Forschungsgruppen und Biotech-Unternehmen.

Die Entstehung von biologischen Membranen war eine der Grundlagen dafür, dass auf der Erde Leben auftreten konnte. Die Zellmembran etwa grenzt die Zelle von ihrer Umwelt ab. Sie schützt sie damit nicht nur vor lebensfeindlichen Einflüssen, sondern bietet einen abgeschotteten Raum, in dem die lebenserhaltenden chemischen Reaktionen ablaufen können. Als echte Grenze muss sie aber noch mehr leisten: Sie muss zum Beispiel die richtigen Stoffe von innen nach außen und von außen nach innen passieren lassen. Oder Signale von Kommunikationspartnern in die Sprache der Zelle übersetzen. Auch im Inneren von Zellen bildeten sich mit der Zeit Membransysteme aus, die Kompartimente mit unterschiedlichen Milieus einschlossen. Mitochondrien, Chloroplasten oder das Endoplasmatische Retikulum können nur deshalb für die Energiegewinnung oder den Aufbau von neuen Proteinen sorgen, weil sie einen chemisch abgegrenzten Raum bilden. Und die Gene im Zellkern werden sogar von einer zweifachen Membran geschützt.

Flexibel und stabil

Eine breite Palette an Funktionen

Zu sehen ist die Struktur eines Proteins von der Seite und von oben.
Kristallstruktur des nikotinischen Acetylcholinrezeptors (nAChR), einem ligandengesteuerten Ionenkanal. (© S. Jähnichen)

Die Zellmembran ist eine natürliche Barriere für Ionen. Weil die Zusammensetzung von negativ und positiv geladenen Teilchen auf den zwei Seiten der Membran (also zum Beispiel außer- und innerhalb der Zelle) unterschiedlich ist, entsteht ein elektrisches Potenzial. Dieses Potenzial ist die Grundlage für Stromflüsse in Neuronen oder Muskelzellen. Außerdem stellt es die treibende Kraft hinter Stoffflüssen dar. Diese Stoffflüsse werden von spezialisierten Proteinmaschinen vermittelt, sogenannten Kanalproteinen oder Transportern. Neben diesen zwei Aufgaben erfüllt eine Membran die Funktion eines Nachrichtenempfängers und -weiterleiters.

Transmembranproteine, die als Rezeptoren bezeichnet werden, können von außen kommende Signalmoleküle binden und daraufhin ihre eigene Konformation ändern. Das kann auf der anderen Seite der Membran (also im Inneren einer Zelle oder eines Organells) durch spezialisierte Eiweiße oder Membranlipide detektiert werden, die das Signal auf weitere Moleküle übertragen und damit entsprechende Reaktionen der Zelle oder des Organells einleiten.

Weitere Aufgaben einer biologischen Membran sind spezifisch für den Raum, den sie einschließt. Die Zellmembran etwa verknüpft die Zelle über sogenannte Adhäsionsproteine mit anderen Zellen und sorgt so für einen Zusammenhalt des Gewebes. Antigen-Rezeptoren auf der Oberfläche von Immunzellen erkennen Fremdstoffe und leiten Immunantworten ein. Die Zellmembran vermittelt auch die Aufnahme (Endozytose) und Ausschüttung (Exozytose) von Stoffen, die nicht einfach durch die Membran oder die Kanalproteine schlüpfen können. Die Ausschüttung ist die Grundlage für die Informationsübertragung durch Neurotransmitter an den Synapsen oder durch Hormone im Blut.

Aber auch die anderen Membransysteme in der Zelle sind essenziell. An der inneren Membran eines Mitochondriums zum Beispiel sitzen die hochkomplexen Membranproteine der Atmungskette. Das sind riesige Maschinen, die Elektronen von energiereichen Kohlenstoffverbindungen auf den Sauerstoff übertragen können, wodurch Energie entsteht. In den Membranen der Chloroplasten in pflanzlichen Zellen fangen die Proteinkomplexe der Fotosynthese hingegen das Licht der Sonne ein und bilden energiereiche Kohlenstoffverbindungen. Die Liste der verschiedenen Aufgaben von Membranen ließe sich lange fortführen.

Fatale Defekte

Pharmazeutische Angriffspunkte

Die Biomembranen sind wegen ihrer Bedeutung für die korrekte Funktionsweise der Zelle gute Zielpunkte für pharmazeutische Therapieansätze. Ein klassisches Beispiel für ein Medikament, das seine Wirkung an einer Membran entfaltet, ist das Aspirin, das die membranassoziierten Proteine Cyclooxygenase COX-1 und COX-2 hemmt. Dadurch blockiert es die Synthese von Prostaglandinen, die als Signalbotenstoffe entzündliche Reaktionen und Schmerzempfinden auslösen. Ein anderes Beispiel stellen sogenannte Neuraminidase-Hemmer wie Tamiflu oder Oseltamivir dar, die gegen die durch Influenzaviren ausgelöste Grippe eingesetzt werden. Influenzaviren vermehren sich im Inneren einer Wirtszelle und knospen sich dann von deren Zellmembran ab. Sie bleiben zunächst an ein Oberflächenmolekül der Wirtszelle gebunden, bis die viruseigene Neuraminidase, die in der Membran der Virushülle verankert ist, die Bindung aufspaltet. Dieser Vorgang wird durch die Medikamente unterbunden und die neu geschlüpften Erreger können sich nicht weiter ausbreiten.

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© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH

Literatur:
Alberts, Johnson, Lewis, Raff, Roberts, Walter: Molekularbiologie der Zelle; 4.Auflage 2004; WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KgaA, Weinheim
W.J. Zeller, H. zur Hausen (Hrsg.): Onkologie; Ecomed, Landsberg 1995, Loseblattausgabe

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