Orphan Drugs - auch Stiefkinder können erfolgreich werden
Albert Ludolph setzt große Hoffnungen auf "Orphan Drug Development". Der Chef der Neurologie der Ulmer Uniklinik verbindet damit ehrgeizige Ziele - letzten Endes einen möglichen Weg zur Stärkung des Biotech-Standortes Deutschland.
Orphan Drugs sind "Stiefkinder" der Medizin: Medikamente gegen seltene Krankheiten. 5.000 sind in Europa identifiziert worden. Selten heißt in Europa, dass nicht mehr als fünf von 10.000 Menschen daran erkranken. Zwischen 20 und 30 Millionen Menschen leiden in Europa damit an seltenen Krankheiten, für die es kaum Medikamente gibt.
Auch Europa gibt endlich Anreize
Denn unter Marktbedingungen rechnen sich Orphan Drugs kaum für Pharmahersteller. 800 Millionen Dollar kostete 2001 die Entwicklung für ein Medikament, Fehlschläge eingerechnet, teilt der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) mit. Deshalb braucht es wirkungsvolle Anreize für Unternehmer und Forscher, um solche "unwirtschaftlichen" Arzneimittel zu entwickeln. In den USA gibt es solche Anreize seit 1983, Japan zog 1993 nach, Europa fördert diese Arzneimittel (erst) seit 2000.
Der orphan-Status kann Medikamenten zur Diagnose, Verhütung oder Behandlung lebensbedrohender, zu schwerer Invalidität führender oder schwerer und chronischer Leiden von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) zuerkannt werden.
Die Anreize sind kostenlose Zulassung, weniger Probanden für die klinische Prüfung, umfassende Beratung bei der Entwicklung und - als Kernstück - das Recht auf maximal zehnjährigen Exklusivvertrieb des Produkts. Vorausgesetzt wird, dass es zur Bekämpfung der Krankheit noch kein zugelassenes Arzneimittel gibt. Bis Mitte Juni 2004 hatte die Europäische Kommission laut VfA 200 Produkten diesen Status zuerkannt und 15 EU-weite Zulassungen erteilt.
Stark werden in Nischen
Die Ulmer Neurologen setzen aus guten Gründen auf diesen Nischenmarkt. Längst spiele die klinische Forschung in Deutschland an Krankheiten des Zentralen Nervensystems (ZNS) international keine Rolle mehr. In der Entwicklung gewinnträchtiger "Blockbuster" für Volkskrankheiten wie Alzheimer und Parkinson sind die USA nach Ludolphs Worten führend, scheinen kaum mehr einholbar. Die ZNS-Forschung in der deutschen Pharma-Industrie beschränke sich auf eine Forschergruppe in einem süddeutschen Unternehmen.
Die Voraussetzungen für den Einstieg in die Entwicklung von Orphan-Arzneimitteln sind nach Ludolphs Einschätzung in Ulm günstig: die Infrastruktur steht, Datenbanken nach dem Standard klinischer Studien sind vor der Vollendung, über die Beteiligung an europaweiten Studien schöpfen die Ulmer Neurowissenschaftler aus einem großen Pool an Patientendaten (rund 2 000). Mit anderen Worten: die Eckpunkte für einen Medikamenteneinsatz liegen vor, weil genaue Daten für den Verlauf der erforschten Krankheiten vorliegen.

ALS-Patientin mit Symptom der Steifigkeit. Foto: Neurologische Klinik der Universität Ulm
Ein Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit der bislang unheilbaren amyotrophen Lateralsklerose (ALS). An dieser chronischen Erkrankung des ZNS, an der drei bis acht Menschen von 100.000, meistens ab dem 50. Lebensjahr erkranken, forscht der 50-jährige Ulmer Neurologe Albert Ludolph seit 25 Jahren. Nach Angaben eines französischen Biotech-Unternehmens leiden an dieser rasch tödlich verlaufenden Muskelschwäche in der EU, USA und Japan rund 80 000 Menschen. Erst unlängst haben Ludolph und Mitarbeiter das dritte ALS-Gen entdeckt. Bei ALS sind motorische Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark geschädigt, was die Steuerung der Skelettmuskulatur stört, zu Muskelschwund und raschem Tod führt. Für die Mehrzahl der ALS-Patienten gibt es momentan keine verlässliche Aussage zur Krankheitsursache. Über eine medikamentöse Therapie, die in die Neurotransmission des Botenstoffs Glutamat eingreift, lässt sich das Fortschreiten der Krankheit beeinflussen. Mit Hilfe transgener Mäuse analysieren die Ulmer Neurologen die Krankheitsmechanismen der vererbbaren ALS, was letzten Endes die Entwicklung und Testung von Arzneimitteln gestattet.
Anfangs Parkinson, später Multisystematrophie
Ulm koordiniert für Deutschland eine große europäische Arzneimittelstudie an 800 Patienten (Neuroprotection and Natural history in Parkinson Plus Syndrom, NNIPPS), die sich mit zwei atypischen Parkinsonerkrankungen befasst: PSP (progressive Blickparese) und MSA (Multisystemathropie, Prävalenz: 4,4/100.000). Beide Erkrankungen verlaufen ungünstiger als Parkinson, enden im Mittel nach sechs bis acht Jahren tödlich. Die Studie, bislang der umfänglichste Versuch zur Klärung des natürlichen Krankheitsverlaufes, soll aufdecken, ob das verabreichte Medikament eines französischen Pharmaherstellers das Fortschreiten beider Krankheiten verlangsamen kann. 2006 wird mit endgültigen Ergebnissen gerechnet.
Bei Huntington-Forschung vorne dabei
Maßgeblich beteiligt sind die Ulmer auch bei der Erforschung von Huntington, einer vererblichen fortschreitenden Erkrankung des Gehirns mit einer Häufigkeit von fünf auf 100.000 Menschen. Im "Euro Huntington’s Disease Network" erforschen Wissenschaftler und Mediziner aus 18 europäischen Ländern die Grundlagen der Krankheit, deren Fortschreiten noch immer kein Medikament hemmt. In Ulm werden potenziell neuroprotektive (das heißt Nervengewebe schützende) Therapieansätze erprobt, Progressionsmarker entwickelt und geprüft. Damit sollen klinische Studien zur Effektivität möglicher neuroprotektiver Substanzen deutlich verkürzt und ein neuroprotektiver Effekt direkt belegt werden können. Ulm ist derzeit mit Bochum eines der zwei deutschen Studienzentren einer auf drei Jahre angelegten Arzneimittelstudie (Phase II) mit 450 Patienten insgesamt, 100 Patienten aus Deutschland.
Gute Einstiegsmöglichkeiten für Biotechs
Qualitätsorientierte Genomtypisierungsdatenbanken, kontrollierte Phänotypisierungsbanken, Materialsammlungen für Proteomics, Daten von über 2.000 Patienten (was bei "exotischen" Krankheiten sehr viel und ein Alleinstellungsmerkmal ist) – das Grundgerüst steht, die Infrastruktur für weitergehende klinische Forschung (akademische und industrielle) ist entwickelt. Gute Voraussetzungen für den Einstieg von Biotech-Unternehmen und damit letztlich auch von Pharma-Unternehmen, um in dieser Nische Arzneimittel zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Dahinter steckt ein bestrickender wie simpler Gedanke: eigene Stärken ausbauen, Nischen besetzen, den Vorsprung an Know-how nutzen. Zu Ende gedacht hieße dies – das spricht der Neurologe Ludolph wohlweislich nicht aus – den pharmakologischen Fortschritt zurück nach Europa holen.
wp