Exakte Diagnose bei Demenzerkrankungen und geistigen Leistungsstörungen
Im Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Freiburg (ZGGF) arbeiten Neurologen, Psychologen und Psychiater zusammen in der Neurogeriatrie- und Memory-Ambulanz (NMA). Ihre Patienten leiden unter Gedächtnisstörungen, Demenzerkrankungen, geistigen Leistungsstörungen sowie neurologischen Alterskrankheiten.

Professor Klaus Schmidtke (Quelle: ZGGF)
Elfriede K. schaut sich Fotos in einem Familienalbum an, während ihr die Tochter über die Schulter schaut. Beim Bild ihres ältesten Enkels tritt langsam der Schimmer des Erkennens in ihre Augen. Die 78-jährige Mutter und Großmutter einiger Enkel blättert in einem Erinnerungsbuch. Zusammen mit ihrer Tochter nimmt sie an der 14-tägigen Angehörigen- und Patientengruppe der Neurogeriatrie und Memory-Ambulanz (NMA) des Zentrums für Geriatrie und Gerontologie der Freiburger Universitätsklinik teil.
"Wir versuchen an diesen Gruppennachmittagen, Patienten mit geistigen Leistungsstörungen und vermuteter Demenz ein Stück Identität zurückzugeben", sagt Professor Klaus Schmidtke, Neurologe und Leiter der Spezialambulanz im Freiburger Klinikum. Zusammen mit dem Psychiater Privatdozent Michael Hüll nimmt das Team der zwischen Basel, Mannheim und Tübingen einmaligen Einrichtung vor allem diagnostische und beratende Aufgaben wahr.
Geht ein niedergelassener behandelnder Arzt von einer degenerativen Gehirnerkrankung seines Patienten aus, die mit dem vorzeitigen Abbau von Gehirnzellen einhergeht, kann er seine Patienten in die Gedächtnissprechstunde der Klinik schicken. "Zu uns können in der Regel nur Patienten kommen, die älter als 55 Jahre sind und an uns überwiesen werden", erklärt Schmidtke. Bei jüngeren Kranken beruhe die eingeschränkte Funktion des Gedächtnisses oft auf psychischen Störungen. "Wir haben eingeschränkte Kapazitäten und müssen uns auf eine Gruppe von Patienten konzentrieren."

Alzheimergehirn (Quelle: ZGGF)
Vor vier Jahren von der Neurologie und Psychiatrie im Klinikum gemeinsam gegründet, arbeitet die Einrichtung nach wie vor eng mit diesen Kliniken zusammen. Untersucht werden Patienten mit fraglichen und gesicherten Demenzerkrankungen. Dazu gehören die Alzheimerkrankheit, die vaskuläre Demenz aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn, die Front-temporale Demenz sowie die Lewy-Körperchen-Krankheit, die ebenfalls zu den degenerativen Erkrankungen zählt.
Patienten mit einer Demenz bei der Parkinsonkrankheit kommen in die Ambulanz, aber auch Menschen mit einer "Pseudodemenz" bei Depressionen oder Menschen mit symptomatischen Demenz-Erkrankungen wie zum Beispiel bei Gehirntumoren suchen die Ambulanz auf Anraten ihres Arztes auf. "Eine exakte und frühe Diagnose ist für den Kranken von großer Bedeutung", weiß der Facharzt für Neurologie. "Sowohl der Patient als auch die Angehörigen brauchen Zeit, sich auf die Krankheit einzustellen." Zugleich ist eine genaue Diagnose die Grundlage jeder gezielten und ökonomischen Therapie. Bei rund 80 Millionen Einwohnern in Deutschland liegt die Zahl der Menschen, die an einer Demenzerkrankung leiden, knapp unter einer Million. Aufgrund der demographischen Entwicklung befürchten die Mediziner, dass sich die Zahl bis 2050 verdoppelt.
In der Memory-Ambulanz testen die Mediziner, ob eine Gedächtnis- oder sonstige kognitive Störung vorliegt und schätzen deren Schwere ein. "Wir beginnen mit einem Einführungsgespräch und befragen die Angehörigen zur Krankengeschichte", sagt Schmidtke. Die Patienten werden im Rahmen einer von der Psychologin vorgelegten Testserie unter anderem aufgefordert, Bilder zu benennen, Figuren zu zeichnen, Uhren zu lesen, Gruppen von Wörtern im Gedächtnis zu behalten und ihre Wortflüssigkeit unter Beweis zu stellen.
Bildgebende Verfahren zieht der Arzt heran, um sich über die Schwere der strukturellen Veränderungen des Gehirns zu informieren oder symptomatische Ursachen wie Tumoren auszuschließen. Ist dann noch die Laboruntersuchung beendet, erstellt der Arzt aufgrund der vorgelegten Informationen die Differentialdiagnose. Die Arbeit der Ambulanz ist damit abgeschlossen. "Wir therapieren in der Regel nicht selbst", so Schmidtke. "Wir nutzen unser Wissen und unsere Erfahrung für eine exakte Diagnose und verweisen den Patienten mit einer ausführlichen Therapieempfehlung an den Haus- oder Nervenarzt zurück."
Mehr als 760 Patienten wurden im vergangenen Jahr in der Ambulanz untersucht. Mit öffentlichen Vorträgen und Veranstaltungen sowie wissenschaftlichen Veröffentlichungen reagieren Schmidtke und seine Mitarbeiter auf das große öffentliche Interesse an der Einrichtung. In der Zusammenführung von interdisziplinärer psychiatrischer, neurologischer, neuropsychologischer und geriatrischer Kompetenz stellt sie nach Einschätzung der Fachleute in Deutschland eine Ausnahme dar.
itz