30.10.2007
Starthilfe für erfolgreiche Leukämieforschung
Am Anfang des Franziska-Kolb-Preises stand die Erfahrung von Leid und Schmerz. Der Ulmer Professor für Elektrochemie, Dieter Kolb, verlor seine Frau Franziska Ende Dezember 1992. Sie war an Leukämie erkrankt. Hilflos musste der Wissenschaftler dem Sterben seiner Frau zusehen. Ein halbes Jahr später fasste der heute 65-Jährige den Plan, eine Stiftung für Leukämieforschung ins Leben zu rufen, für eine Krankheit, deren Ursachen immer noch nicht vollständig verstanden sind.
Das Startkapital, 50.000 Deutsche Mark, stellte Kolb aus seinem eigenen Vermögen zur Verfügung. Der kinderlose Forscher wollte etwas schaffen, was bleibt. Und er wollte mit dem Preis, der den Namen seiner verstorbenen Frau trägt, die Erinnerung wach halten. Es dauerte ein Weilchen, aber 1994 war es so weit: die Franziska-Kolb-Stiftung war gegründet.
Prämie für herausragende junge Forscher

Premiere 1995: Der Stifter (li) überreicht den Preis an Thomas Schreiner. Der Ulmer Mediziner erhielt den Preis für seinen Beitrag zur erfolgreichen Transplantation blutbildender Stammzellen auch bei Leukämien, für die kein geeigneter Spender zur Verfügung steht. (© Universität Ulm)
Mit der Spende wurde im Rahmen des Körperschaftsvermögens der Universität Ulm eine Stiftung eingerichtet. Aus deren Erträgen wird seit 1995 jedes Jahr ein Forschungspreis in Höhe von 4.000 Euro vergeben, zu DM-Zeiten waren es 5.000 Deutsche Mark. Mit diesem Preis sollen herausragende Arbeiten junger Wissenschaftler auf dem Gebiet der Leukämieforschung, insbesondere die Behandlung von Leukämien bei Erwachsenen ausgezeichnet werden. Forschungsarbeiten zur Leukämie bei Kindern sollten, berichtet Dieter Kolb, auf Anraten der Fachleute ausgeklammert bleiben, da dort die Heilungschancen besser seien.
Ulm traditionell stark in Leukämie-Forschung

Die Namensgeberin Franziska Kolb. (© Universität Ulm)
Dass der Franziska-Kolb-Preis in Ulm vergeben wird, kommt nicht von ungefähr. Die von Professor Hartmut Döhner geleitete Klinik für Innere Medizin III des Ulmer Uniklinikums zählt zu den „Leuchttürmen“ der Leukämieforschung.
Im Stiftungsbeirat, dem fünf Mediziner angehören, befinden sich mit dem Emeritus Hermann Heimpel, dem Vorgänger Döhners, und der mittlerweile an der Berliner Charité forschenden Renate Arnold zwei der Ärzte, die Kolbs Frau behandelten. Zum Gremium gehören weiterhin Hartmut Döhner, Klaus-Michael Debatin (Ärztlicher Direktor der Ulmer Uni-Kinderklinik) sowie der Ärztliche Direktor des Ulmer Instituts für Transfusionsmedizin Hubert Schrezenmeier. Der Beirat befindet über die eingereichten Arbeiten, der Stifter sitzt dem Beirat vor und enthält sich grundsätzlich des Votums.
Schnelle Ausweitung auf ganz Baden-Württemberg
Anfangs prämierte der Franziska-Kolb-Preis lediglich Arbeiten aus der Ulmer Universität, 1997 wurde die Zielgruppe auf ganz Baden-Württemberg ausgedehnt. So erhielten in jenem Jahr Claudia Friesen von der Heidelberger Kinderklinik (mittlerweile in Ulm) und Ingrid Herr vom Deutschen Krebsforschungszentrum den Preis zuerkannt.
Der Stifter Dieter Kolb weiß nur zu gut, dass die ausgelobte Dotierung nicht mit industriegesponserten Preisen mithalten kann. Im Gegenzug ist der Franziska-Kolb-Preis nicht zweckgebunden und kann von den Ausgezeichneten frei verwendet werden. Kolb erinnert sich schmunzelnd an einen Preisträger, der hoch erfreut die Summe in Empfang nahm und diese für die anstehende Hochzeit zu verwenden gedachte.
Trotz bescheidener finanzieller Ausstattung ist der Stifter auch ein wenig stolz darüber, dass der Preis mittlerweile schon so etwas wie Tradition entwickelt hat und in diesem Jahr zum zwölften Mal verliehen wird. Aufmerksam verfolgt Kolb den weiteren wissenschaftlichen Werdegang aller Preisträger, mit denen er im steten Kontakt steht. „Oft“, erzählt Kolb, "stand der Preis am Anfang einer Reihe von Auszeichnungen."
Schwerpunkt auf molekularer Ursachenforschung

Noch bis 30. November 2007 können sich Leukämieforscher um den Franziska-Kolb-Preis 2008 bewerben. (© Universität Ulm)
Die Entwicklung der Leukämieforschung verfolgt der medizinische Laie Kolb aufmerksam. Blickt er auf die mittlerweile elf Preisträger und Preisträgerinnen, stellt er fest, dass die Ursachenforschung vor allem auf molekularer Ebene ansetzt.
Der Preisträger von 2004, Stefan Fröhling, hatte mithilfe molekularbiologischer Methoden rund 200 einheitlich behandelte Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) untersucht, die keine Chromosomenveränderungen aufwiesen. Dabei gelang es ihm, AML-Untergruppen zu charakterisieren, die große Unterschiede beim Verlauf der Erkrankung aufwiesen.
2005 erhielt den Franziska-Kolb-Preis die Ulmer Arbeitsgruppe von Lars Bullinger (Innere Medizin III, Uniklinikum Ulm). Er entdeckte unter Einsatz moderner DNA-Chip-Technologie neue genetische Untergruppen der AML, die ihrerseits große Unterschiede im Verlauf der Erkrankung aufwiesen. Die Arbeitsgruppe entdeckte Patienten, die trotz einer intensiven Behandlung rasch einen Rückfall ihrer Erkrankung erlitten, andererseits solche mit guten Aussichten auf dauerhafte Heilung.
Im Vorjahr wurde die medizinische Doktorarbeit von Christoph Walz vom Mannheimer Uniklinikum ausgezeichnet. Er hatte mit Kollegen aus dem In- und Ausland bei Patienten mit bis dahin nicht charakterisierten Genmutationen mehrere neue Fälle von fehlregulierten Tyrosinkinasen identifiziert.
Das Stiftungsziel bleibt aktuell
In wenigen Wochen wird der Stifter Dieter Kolb zum zwölften Mal den Preis für Leukämieforschung überreichen. Es ist nicht absehbar, dass die Forscher alle Geheimnisse des Blutkrebs und seiner vielen Untergruppen demnächst lüften. Unverändert aktuell bleibt das, was den Stifter Kolb antreibt: „Ich will, dass die Krankheit einfach verstanden wird und damit letztlich geheilt werden kann.“
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