Der Traum von einer Welt ohne Hunger
Die Eiselen-Stiftung mit Sitz in Ulm kämpft gegen eine Geißel der Menschheit, gegen Hunger und Unterernährung. Ältere Europäer kennen diesen Zustand, auch Hermann Eiselen.
In Europa mag die Ernährung gesichert sein. In der südlichen Hemisphäre leiden nach Schätzungen der Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) immer noch mehr als 800 Millionen Menschen unter Hungersnot und Unterernährung.

Hungernde Kinder, die unbekannte Nahrung essen sollen. Das Bild zeigt wie schwierig Entwicklungshilfe ist. (© Eiselen-Stiftung)
Mit Herz und Verstand für das Menschenrecht Nahrung
Schon in Wirtschaftswunder-Zeiten stieß der Unternehmer seine Landsleute in Ausstellungen auf das Hunger-Problem. Seit den 60er Jahren unterstützte die Familie Eiselen Forschungsvorhaben zur Linderung des Hungers in der Welt an der Universität Hohenheim. 1978 gingen beide „gleichberechtigten Bereiche“ in eine Stiftung ein, die seit 1991 als gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts firmiert.

Mit dem Museum für Brotkultur will die Stiftung nach innen wirken. (© Eiselen-Stiftung)
„Wir wirken nach innen, zeigen der Gesellschaft die Bedeutung des Grundnahrungsmittels Brot“, beschreibt Andrea Fadani den kulturellen Auftrag der Stiftung. Sichtbares Zeichen dieses Willens ist das Museum für Brotkultur, das im Herzen Ulms seinen Sitz hat und vom Vater des heute 81-jährigen Stifters Hermann Eiselen 1955 gegründet worden war.

Stifter Dr. Hermann Eiselen. (© Eiselen-Stiftung)
Der satten Gesellschaft mit dem Museum den Spiegel vorzuhalten, genügte dem Stifter Dr. Hermann Eiselen nicht, erläutert der geschäftsführende Vorstand der Stiftung, der promovierte Agrarökonom Fadani, die Anfänge der Stiftung. Ihr zweiter Auftrag ist die Forschungsförderung. Ihr Ziel beschreibt Eiselen, der vormalige Unternehmer für Backwaren („Ulmer Spatz“): „Das Menschenrecht auf Nahrung ist immer noch nicht erfüllt. Wissenschaftliche Ansätze und deren Umsetzung führen zu einer Welt frei von Hunger“.
Warum engagiert sich ausgerechnet eine Ulmer Stiftung für den Kampf gegen den Hunger? Die Antwort liefert die Person des Stifters und Unternehmers Hermann Eiselen, erklärt Stiftungsvorstand Fadani. Da die Übergabe der Firma in die nächste Generation nicht möglich war, verkaufte sie der damals 55-jährige. Der Erlös (25 Millionen Euro) bildete das Stiftungskapital. Dass die Forschung unterstützt werden sollte, lag laut Fadani nahe. Denn Eiselens Firma sei so forschungsstark wie innovativ gewesen, steckte ein Zehntel des Erlöses in die Weiterentwicklung der Produkte.
Vierfache Hilfe für die Forschung
Die Eiselen-Stiftung fördert die Wissenschaft in vierfacher Hinsicht. Seit ihrer Gründung sind über zehn Millionen Euro in die Forschungsförderung geflossen. Diplomanden/Master-Studenten, die sich in ihrer Arbeit mit Fragen der Welternährung auseinandersetzen, erhalten Reisekostenzuschüsse bis zu 1.800 Euro. Fadani selbst kennt als ehemaliger Hohenheimer Forscher viele Studienkollegen, die diese Hilfe erhalten haben. Für viele sei der Auslandsaufenthalt ein prägendes Erlebnis gewesen, aus dem sich die Motivation für ein, so hofft die Stiftung, lebenslanges Engagement ergibt.
Ohne grüne Gentechnik keine Lösung

Stiftungsvorstand Dr. Andrea Fadani. (© Eiselen-Stiftung)
Zweiter Förderschwerpunkt ist die grüne Biotechnologie, die die Ulmer Stiftung seit 1982 fördert. Bis 1996 flossen aus Ulm rund sechs Millionen Euro in die grüne Gentechnik. Den Anfang machte an der Uni Hohenheim das Schwerpunktprogramm „Angewandte Gentechnik im Dienste der Welternährung“.
Vom jährlichen Budget der Stiftung (250.000 Euro) gehen 100.000 bis 150.000 Euro in die grüne Gentechnik. Sie ist für Eiselen wesentlicher Bestandteil im Kampf gegen den Hunger, den nur eine technisierte Landwirtschaft besiegen könne. Bis zu 30 Doktorarbeiten wurden seither gefördert, drei Professuren in Hohenheim etablierten sich. Die Uni Hohenheim, sagt Fadani, sei in Deutschland der wichtigste Standort in Sachen Pflanzenzüchtung für (Sub-)Tropen.
Die Diskussion zwischen Wissenschaftlern voranzutreiben ist das dritte Förderziel der Stiftung, die Symposien und ähnliche Veranstaltungen sponsert. 2006 beispielsweise erörterten in Hohenheim Forscher die Frage, was die Grüne Gentechnik für die Ernährungssicherung leistet. Auch im thailändischen Chiang Mai trafen sich mit Ulmer Hilfe 2002 Wissenschaftler.
Zwei Wissenschaftspreise als Anreiz

Der Stifter inmitten der Ausgezeichneten. Bild von der Verleihung des Knoll-Wissenschaftspreises im Jahr 2006. (© Eiselen-Stiftung)
Schließlich finanziert die Stiftung zwei Wissenschaftspreise. Seit 1986 prämiert der Josef G. Knoll-Wissenschaftspreis herausragende Doktor- und Habilitationsarbeiten, die sich mit Fragen der Welternährung und der Linderung von Unter- und Mangelernährung in Entwicklungsländern beschäftigen. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert und wird ab 2008 an bis zu drei exzellente Arbeiten alle zwei Jahre vergeben. Der jährlich vergebene und mit 7.500 Euro ausgestattete Hans H. Ruthenberg-Graduierten-Preis zeichnet exzellente Diplom- und Masterarbeiten aus, die sich demselben Thema widmen.
Beide Preise sollen einen „großen Anreiz“ schaffen, auf der wissenschaftlichen Karriereleiter mit diesem Thema hochzuklettern. Mittlerweile sei es gelungen, in Göttingen, Halle und Washington Professoren im akademischen Mittelbau zu positionieren. „Anstiften“ nennt Fadani das, wenn Wissenschaftler Feuer gefangen haben für Eiselens Thema.
Keine Hilfe für Elfenbeinturm-Forscher

Geld aus Ulm zur Verbesserung des Weizens. (© Eiselen-Stiftung)
Insgesamt förderte die Ulmer Stiftung rund 700 Projekte mit mehr als zehn Millionen Euro. Das reichte vom Reisekostenzuschuss bis zum Großprojekt. Seit 1996 unterstützt die Stiftung vermehrt angewandte Forschung; Forschung mit Bodenhaftung, könnte man auch sagen.
1998 unterstützten die Ulmer den Aufbau eines neuen Sonderforschungsbereichs (SFB) an der Uni Hohenheim mit 200.000 Euro. Der SFB erforscht die nachhaltige Landnutzung und ländliche Entwicklung in Bergregionen Südostasiens. Inzwischen läuft dieser SFB in der dritten Phase, zwölf Millionen Euro seien mittlerweile in diese Erfolgsgeschichte geflossen.
Auf Initiative der Stiftung nahmen Hohenheimer Forscher die Arbeit zur Verbesserung von Weizensorten zusammen mit dem in Mexiko ansässigen International Maize and Wheat Improvement Center auf, wo mittlerweile ein Eiselen-Schützling als Forscher tätig ist.
Förderung jetzt internationaler

Bei der Maniok-Ernte. (© Eiselen-Stiftung)
Bis 2001 beglückte die Stiftung nur Forscher der Universitäten Hohenheim, Stuttgart und Ulm, seither sind die Projekte internationaler. Tatsächlich fließen aber weiterhin 60 Prozent der Mittel ins nahe Hohenheim.
Mittlerweile unterstützt die Eiselen-Stiftung Forscher auf der ganzen Welt. Zum Beispiel ein Vorhaben in Nepal zur Verbesserung des Weizens oder ein Vorhaben beim internationalen Forschungszentrum für Gemüseanbau in Taiwan. Aus Ulm kommen auch 100.000 Euro für ein Projekt zum Anbau von gentechnisch verändertem Kohl in Indien, der für die dortige Ernährungssicherung von großer Bedeutung ist.
Aktuell fördern die Ulmer die Arbeiten des deutschen Forschers Wilhelm Gruissem von der ETH Zürich. Dieser unterstützt die Feldversuche an internationalen Forschungszentren in Afrika zur Virusresistenz von Maniok. Diese Pflanze dient 800 Millionen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika als Grundnahrungsmittel. Mit 250.000 Euro fördert die Stiftung auch ein Projekt, das den Mais trockenresistent machen soll.
Werben um Hirn und Herz
Wie geht es mit der Stiftung weiter? In Deutschland werde es immer schwieriger, nach Dissertationen in entsprechende Berufe zu kommen. Nur dann, wenn die „Leute entsprechend untergebracht“ sind, können sie aber die Idee des Stifters weiterverfolgen, sagt Fadani. Der Stiftungsvorstand appelliert an den Idealismus junger Menschen. „Wer draußen gewesen ist, bekommt mit, dass wir von unserem Planeten nicht fliehen können“ – „Unsere Geförderten haben diesen idealistischen Moment“. Fadanis Aufgabe: „Wie schaffen wir es in den nächsten 20 Jahren, junge Menschen zu engagieren, zu motivieren, die Berufung zu finden, jenseits von Spaß und Belustigung.“
wp, 05.11.2007
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