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Kontinent der Rüsseltiere

Molekularphylogenetische Analysen haben zu einer radikalen Neuordnung der Säugetiersystematik geführt. Als älteste Großgruppe der Placentalia werden jetzt die Afrotheria angesehen, zu denen Elefanten ebenso wie spitzmausähnliche Formen gehören. Über lange Zeiträume der Isolation entwickelten sie eine adaptive Radiation parallel zu den Laurasiatheria auf den Nordkontinenten.

Zu sehen ist ein Rüsselhündchen, ein wenige Zentimeter hohes, braunhaariges Tier mit einer langen, spitzen Schnaze
Das Rüsselhündchen, ein Verwandter der Elefanten (© AFP; afarensis.com)
Anfang Februar 2008 zeigten die Tageszeitungen ein in den Bergen Tansanias neu entdecktes kleines Säugetier, das „Graugesichtige Rüsselhündchen“. Auf den Fotos sah man ein kuscheliges spitzmausähnliches Tierchen mit langen dünnen Beinen und einer rüsselartig verlängerten Schnauze. Nach Behauptung der Zoologen – diese Meldung ließ keine Zeitung aus – sei das Rüsselhündchen ein Verwandter der Elefanten.

Diese Behauptung ist nicht ganz neu. Man kennt Rüsselhündchen, eine Gattung (Rhynchocyon) der Rüsselspringer, schon seit langem, und ob es sich bei dem jetzt entdeckten Tier um eine echte neue Art (R. udzungwensis) handelt, ist noch nicht entschieden. Was die Verwandtschaft dieser kleinen, maximal 700 Gramm schweren Insektenfresser mit den größten lebenden Landtieren betrifft, so erschienen in den letzten Jahren eine Reihe molekularphylogenetischer Studien, die genau das behauptet hatten.

Rüssel ist kein Verwandtschaftmerkmal

Rüsselspringer (Ordnung Macroscelidea) werden seit langem auch als Elefantenspitzmäuse bezeichnet, ein Name, der nichts mit der jetzt postulierten Verwandtschaft mit den Elefanten (Ordnung Proboscidea) zu tun hat, sondern mit ihrem kleinen beweglichen Rüssel. Zweifellos ist es eine charmante Idee, dass der Rüssel als gemeinsames Merkmal herhalten könnte, aber tatsächlich ist das wohl reine Koinzidenz. Auch ist die Verwandtschaft zwischen den kleinen und großen Rüsseltieren nicht gerade eng. Ihr letzter gemeinsamer Vorfahre dürfte in der Oberkreide vor ca. 80 Millionen Jahren gelebt haben, lange vor dem Aussterben der Dinosaurier.

Auch wenn äußerlich keine Ähnlichkeiten festzustellen sind, hatten schon die Zoologen des späten 19. Jahrhunderts als nächste Verwandte der Elefanten die rein aquatischen Seekühe (Sirenia) sowie die nagetierähnlichen Schliefer (Hyracoidea) identifiziert. Wie Fossilfunde belegen, sind alle drei Ordnungen, die man als „Paenungulaten“ (Fast-Huftiere) zusammenfasste, in Afrika entstanden.
Klippschliefer (Hyrax) (Foto: Tierreich.de)
Klippschliefer (Hyrax). (Foto: Tierreich.de) 
Foto eines Dugong unter Wasser
Dugong, eine von zwei Formen der Seekühe (© Tierreich.de)
Die modernen molekulargenetischen Daten haben die Zusammengehörigkeit dieser Gruppe bestätigt und einen gemeinsamen Vorfahren im ältesten Tertiär, dem Paleozän, postuliert. Eher umstritten war die Zugehörigkeit einer anderen zoologischen Merkwürdigkeit aus Afrika, dem Erdferkel (Tubulidentata), einem schweinegroßen, in selbst gegrabenen Höhlen lebenden Tier, das sich von Termiten und Ameisen ernährt und dessen verlängerte Schnauze durchaus auch als eine Art Rüssel angesehen werden kann. Früher als einziges Überbleibsel der Urhuftiere angesehen, wird das Erdferkel (burisch und englisch: Aardvark) heute aufgrund der neuen Daten in die weitere Verwandtschaft dieser Paenungulaten gestellt. Wegen ihrer gemeinsamen afrikanischen Herkunft wurde für die ganze Gruppe der Name „Afrotheria“ geprägt.

Afrotheria, eine monophyletische Superordnung

Die Rüsselspringer oder Elefantenspitzmäuse hatte man früher der Ordnung der Insectivora (die so genannten Insektenfresser: Spitzmaus-, Igel- und Maulwurfverwandtschaft) zugeordnet, die man als die Basisgruppe der placentalen Säugetiere ansah. Mark Springer gliederte sie sowie zwei weitere Familien anhand molekulargenetischer Daten aus den bisherigen Insectivoren aus und den Afrotheria zu: die Goldmulle (Chrysochloridea), maulwurfsähnliche Tiere aus den Trockengebieten Afrikas, sowie die Tenreks, eine Gruppe, die sich in Madagaskar äußerst reichhaltig entfaltet hat, aber mit den aquatisch lebenden Otterspitzmäusen auch auf dem afrikanischen Kontinent vorkommt. Neben zwei Genen in der Mitochondrien-DNA kommt einer spezifischen Deletion von neun Basenpaaren im Exon 11 des Kern-Gens BRCA-1 (das beim Menschen bei der Entstehung von Brustkrebs eine Rolle spielt) besondere diagnostische Bedeutung zu. Diese Merkmale sind ein starkes Argument für eine monophyletische Herkunft der Afrotheria.

Parallelentwicklungen von Afrotheria und Laurasiatheria

Die Afrotheria repräsentieren danach die älteste, möglicherweise 105 Millionen Jahre zurückreichende Abspaltung vom Plazentalia-Stammbaum. Die südamerikanischen Xenarthren (Gürteltiere, Ameisenbären und Faultiere), die man bisher als früheste Abspaltung angesehen hatte, trennten sich diesen Studien zufolge erst zirka fünf Millionen Jahre später vom Hauptstamm ab. Afrika und Südamerika waren als Fragmente des einstigen großen Südkontinents Gondwana durch das breite, weltumspannende Urmittelmeer, die Tethys, vom Nordkontinent Laurasia (Eurasien + Nordamerika) getrennt. Durch den sich öffnenden Südatlantik waren auch Afrika und Südamerika voneinander getrennt und ihre Säugerfaunen, die Afrotheria beziehungsweise Xenarthren und zahlreiche mit ihnen verwandte fossile Gruppen, entwickelten sich über Jahrmillionen der Isolation.
Erdferkel (Aardvark), ein Termitenfresser aus Afrika (Foto: Kapstadt.org)
Erdferkel (Aardvark), ein Termitenfresser aus Afrika (Foto: Kapstadt.org) 
Zu sehen ist die Zeichnung eines Schuppentiers (Pangolin)
Schuppentier (Pangolin), ein Termitenfresser aus Laurasia (Foto: Kapstadt.org) (© Kapstadt.org)
Die übrigen Plazentalia entwickelten sich auf dem Nordkontinent, wobei es vor ca. 90 bis 95 Millionen Jahren zu einer weiteren fundamentalen Aufspaltung kam. Aus dem einen Zweig (den Euarchontoglires) entwickelten sich die Nager und Hasentiere einerseits und die Primaten und ihre
Verwandten andererseits. Aus dem anderen Zweig (den Laurasiatheria) enstanden zahlreiche große Ordnungen, die äußerlich wenig miteinander gemein haben, aber wahrscheinlich trotzdem monophyletisch sind: die Paarhufer einschließlich der Wale, die Unpaarhufer, die Raubtiere, Schuppentiere, Fledermäuse und die nicht zu den Afrotheria gehörenden Insectivora (heute als Eulipotyphla bezeichnet), also Spitzmäuse, Igel und Maulwürfe.

Durch die vollständige Isolation kam es bei Afrotheria und Laurasiatheria zu parallelen adaptiven Radiationen. In beiden Gruppen entstanden unabhängig voneinander große Huftiere, Insektenfresser und aquatische Formen. Die getrennte Entwicklung endete, als die afrikanische Platte sich im Verlauf des Tertiärs so weit Laurasia genähert und dabei den Tethys-Ozean eingeengt hatte, dass dieser für viele Säugetiere nicht mehr das große Hindernis darstellte. Vor 20 bis 30 Millionen Jahren besiedelten von Norden kommend die Vorfahren der Tiergruppen den afrikanischen Kontinent, die uns heute (mit Ausnahme der Elefanten) als besonders charakteristisch für Afrika vorkommen.

EJ – 28.02.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Logo der Region Rhein-Neckar
02.03.2008

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