Bachelor/Master - Europa vereinheitlicht seine Studiensysteme
Der so genannte Bologna-Prozess ist die umfassendste Hochschulreform der vergangenen Jahre. Ziel ist die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums, der bis 2010 verwirklicht werden soll. Wichtigstes Element ist die Einführung eines gestuften Studiensystems mit Bachelor- und Master-Studiengängen und europaweit vergleichbaren Abschlüssen.
Vor genau zehn Jahren trafen sich die Bildungs- und Wissenschaftsminister von Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien an der Pariser Sorbonne und stellten erste Weichen, um das europäische Hochschulsystem zu harmonisieren.
Der Bologna-Prozess
Ein Jahr später unterzeichneten die Bildungsminister von 29 europäischen Ländern die so genannte „Bologna-Erklärung“. Diese beinhaltet das Ziel, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen Europäischen Hochschulraum zu etablieren sowie Eckpunkte zur Umsetzung in den jeweiligen Unterzeichnerstaaten. Der Tagungsort Bologna fungiert als Namensgeber für den „Bologna-Prozess“, der für das Zusammenwachsen Europas auf dem Gebiet der Hochschulbildung steht.

Die HTWG in Konstanz hat alle ihre Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt. (Foto: HTWG)
Ziel dieses Europäischen Hochschulraums ist es, gemeinsame strukturelle Merkmale und Äquivalenzen zu schaffen, die es Studierenden, Lehrenden und dem Verwaltungspersonal ermöglichen, mobiler und flexibler zu sein. So verbringen zurzeit rund 16 Prozent der deutschen Studierenden einen Teil ihres Studiums im Ausland. Diese Quote soll auf 20 Prozent gesteigert werden.
Außerdem soll Europa im internationalen Wettbewerb der Bildungssysteme attraktiver werden. Daher ist der Bologna-Prozess seit 2003 auch mit dem so genannten Lissabon-Prozess gekoppelt, der zum Ziel hat, die EU bis zum Jahr 2010 zum wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Um dies zu erreichen, setzt die Reform auf eine stärkere Vermittlung arbeitsmarktrelevanter Qualifikationen. Die Studierenden sollen schneller einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss erreichen. Nicht zuletzt soll die Zahl der Studienabbrecher reduziert werden.
Seit der Konferenz in Bologna treffen sich die Bildungsminister der beteiligten Länder alle zwei Jahre, um die erzielten Fortschritte zu evaluieren und die Schwerpunkte für die kommenden Jahre festzulegen. Bei jedem Treffen sind weitere Staaten hinzugekommen, so dass der Bologna-Prozess heute insgesamt 46 Staaten umfasst.
Zweistufiges Studiensystem
Da in Deutschland Bildungspolitik Ländersache ist, haben im Jahr 2003 die Wissenschaftsministerinnen und -minister der Länder die bildungspolitische Grundsatzentscheidung für eine möglichste flächendeckende Umsetzung des gestuften Graduiertensystems bis 2010 unterzeichnet.
Diese Umstellung der Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, wie sie international bereits üblich sind, ist die auffallendste und wichtigste Neuerung der Bologna-Reform. Die bisherigen einphasigen Diplom- und Magisterstudiengänge laufen bis 2010 aus, und auch die Berufsakademien in Baden-Württemberg stellen auf das neue System um.
Inzwischen führen nach einer Erhebung der Hochschulrektorenkonferenz 67 Prozent aller Studiengänge an deutschen Hochschulen zu den Abschlüssen Bachelor oder Master. Der Anteil der Absolventen ist mit 11 Prozent allerdings noch vergleichsweise niedrig.
Bachelor
Der Bachelor ist ein grundständiges Studium. Er führt bereits nach sechs bis acht Semestern zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss und ermöglichst so einen früheren Berufseinstieg als bislang. Ziel ist es, die Studiendauer zu verkürzen und das Alter der Absolventen zu senken. Außerdem sollen die Hochschulabsolventen besser für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden und die Studiengänge und Abschlüsse international kompatibler werden. Dies folgt auch einem Wunsch der Wirtschaft, die immer wieder beklagte, deutsche Hochschulabsolventen seien zu alt und zu wenig praxisbezogen ausgebildet.
Das neue System ist kein alter Wein in neuen Schläuchen: Das bisherige Grundstudium wurde nicht einfach zum Bachelor-Studiengang umdeklariert. Die neuen Studiengänge sind völlig neu strukturiert. So werden etwa verschiedene Lehr- und Lernblöcke zu einem Verbund, so genannten „Modulen“ zusammengefasst. Neben dem Fachwissen müssen die Studierenden weitere Schlüsselqualifikationen erwerben. Dazu gehören etwa Fremdsprachen, EDV-Kenntnisse, Sozialkompetenz, organisatorische Fähigkeiten oder Präsentationstechniken.
In einigen Bundesländern, darunter auch in Baden-Württemberg, erfolgt die Genehmigung eines Bachelor-Studiengangs nur, wenn die Vermittlung überfachlicher Schlüsselqualifikationen in eigenen Lehrveranstaltungen innerhalb des Studiums angeboten wird. Bei den Naturwissenschaften erfordert die Umstellung auf das zweistufige System eine neue Verteilung zwischen theoretischen und praxisbezogenen Studieninhalten. Stark forschungsorientierte Inhalte rücken daher ins Masterstudium.
Master
Wer sein Studium weiter vertiefen möchte, hat dazu in einem der zahlreichen Masterstudiengänge die Möglichkeit. Der Master ist vergleichbar mit dem bisherigen Diplom-Abschluss und in der Regel Voraussetzung für die Promotion. Dabei werden drei Modelle unterschieden:
Konsekutiv/ nicht konsekutiv/ weiterbildend.
- Konsekutive Studiengänge bauen inhaltlich auf den Bachelor auf und sind daher am ehesten vergleichbar mit dem bisherigen Diplomstudium.
- Nicht-konsekutive Studiengänge ermöglichen es dagegen, nach einem Bachelor-Abschluss eine neue Richtung einzuschlagen. So kann beispielsweise nach einem naturwissenschaftlichen Bachelor-Studium ein wirtschaftswissenschaftlicher Master angeschlossen werden. Dies ergibt neue und am individuellen Berufsziel orientierte Kombinationsmöglichkeiten.
- Weiterbildende Masterstudiengänge setzten berufspraktische Erfahrung voraus, können also nicht unmittelbar an das Bachelor-Studium anschließen. In der Regel müssen Bewerber eine mindestens einjährige Berufstätigkeit nachweisen.

Der Mastergrad ist einer von zwei international einheitlichen akademischen Abschlüssen, die der Bologna-Prozess hervorbrachte. (© BIOPRO/Bächtle)
Grundsätzlich können bei allen drei Modellen zwischen dem Bachelorabschluss und dem Beginn des Masters auch einige Jahre Berufstätigkeit liegen. Damit erhalten die Studierenden gegenüber dem heutigen System mehr Flexibilität. Zu mehr Mobilität führt das Bachelor/Master-Modell, weil Studierende die Hochschule nach dem ersten Abschluss häufiger wechseln als beim herkömmlichen System.
In Mathematik, Naturwissenschaften und einigen ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen heißen die Abschlüsse „Bachelor/Master of Science (B.Sc./M.Sc.)", andere ingenieurwissenschaftliche Studiengänge führen den Titel „Bachelor/Master of Engineering (B.Eng./M.Eng.)". Das Master-Studium dauert mindestens ein und höchstens zwei Jahre.
Was ändert sich?

Studierende, wie hier an der Uni Konstanz, erreichen mit dem Bachelor schneller einen ersten Abschluss. (Foto: Uni Konstanz)
Das Studium wird neu strukturiert. Lernstoff wird in inhaltlich und thematisch abgeschlossene „Module“ zusammengefasst. Diese Module können auch fächerübergreifend sein und umfassen verschiedene Formen von Lehrveranstaltungen, wie Vorlesungen, Seminare, Praktika oder Kombinationen. Zu jedem Modul gehören Prüfungen in Form von Klausuren, Hausarbeiten oder Referaten. Die Prüfungen erfolgen studienbegleitend und nicht mehr am Ende des Studiums. Mit dieser fortlaufenden Selbstkontrolle sollen die Zahl der Studienabbrecher gesenkt und überlange Studienzeiten vermieden werden.
Nicht nur die Bezeichnung der Abschlüsse wird vereinheitlicht, sondern auch die Bewertungsmaßstäbe. So werden Studienleistungen und Studienumfang nicht mehr in Semesterwochenstunden, sondern in Kreditpunkten ausgedrückt. Die Einführung von Leistungspunkten nach dem „European Credit Transfer System“ (ECTS) und die Aufteilung des Studiums in Module macht das Studium flexibler und transparenter. Leistungen, die an anderen Hochschulen oder im Ausland erworben wurden, werden vergleichbar und können so leichter anerkannt werden. ECTS ist ein quantitatives Maß für die Gesamtbelastung des Studierenden. Ein Leistungspunkt entspricht dabei einen studentischen Arbeitsaufwand von 25 bis 30 Stunden.
Außerdem erhält jeder Studierende seit 2005 ein so genanntes „Diploma Supplement“ als ergänzende Information zu seinen offiziellen Dokumenten. Dieses enthält einheitliche Angaben zur Beschreibung des Hochschulabschlusses und der damit verbundenen Qualifikation.
Hochschulen und Unternehmen sind gefordert
Für die Hochschulen bedeutet das neue System einen Perspektivenwechsel. So steht etwa nicht mehr der Aufwand der Lehrenden im Vordergrund, der in der Anzahl der Semesterwochenstunden erfasst wurde, sondern der Arbeitsaufwand des Studierenden. Die Reform wirkt sich auf die Studiengangsstruktur und die Studiengangsinhalte, auf Organisationsabläufe in den Hochschulen, auf Prozesse in den Verwaltungen und Entscheidungen der Studierenden aus.
Für die Unternehmen bedeutet die Umstellung, dass sie auf geraume Zeit mit einer noch größeren Vielfalt von Abschlüssen und Qualifikationsstufen konfrontiert sind. Unternehmen müssen passende Zielpositionen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten vor allem für Bachelor-Absolventen schaffen.
Studierende sind schneller
Erste positive Erfahrungen in punkto Studienzeiten zeichnen sich bereits ab. So hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gerade ermittelt, dass die durchschnittliche Studiendauer der Bachelor-Absolventinnen und –Absolventen zurzeit bei 6,9 Semestern liegt. Die mittlere Regelstudienzeit beträgt 6,3 Semester, so dass die Studierenden diese um etwa ein halbes Semester überschreiten. Bei den herkömmlichen Studiengängen beträgt die Überschreitung der Regelstudienzeit dagegen eineinhalb Semester. „Das ist ein positives Bild. Es zeigt, dass die neue Studienstruktur den Studierenden wirklich hilft, zügiger zu studieren,“ sagte HRK-Präsidentin Prof. Dr. Margret Wintermantel Anfang April in Bonn. Gleichzeitig appellierte sie an die Politik, die Bologna-Reform könne nur ein Erfolg werden, wenn die personelle Ausstattung der Hochschulen dem gestiegenen Bedarf entspreche. Weil die neuen Lehrformen die Studierenden in den Mittelpunkt stellten, erfordere dies eine intensivere Betreuung.
mek - 22.05.08
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