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Ein unscheinbares schwirrendes Insekt – das soll dem Menschen Modell stehen? Tatsächlich hat Drosophila melanogaster seit Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidende Einblicke in unsere Genetik, Entwicklung und Neurobiologie ermöglicht. Prof. Dr. Karl-Friedrich Fischbach von der Universität Freiburg untersucht seit Jahrzehnten, wie sich das Gehirn der Schwarzbäuchigen Taufliege entwickelt und wie es funktioniert. Inwiefern können die Ergebnisse dieser Forschung etwas über unser eigenes Gehirn enthüllen? Das Beispiel einer von Fischbach und seinem Team entdeckten Molekül-Gruppe zeigt es.
Überraschend klingt es schon: Die kleine Taufliege Drosophila melanogaster soll helfen, das menschliche Gehirn zu verstehen. Kann dieses unbemannte Flugobjekt etwa komplexe Rechen-Aufgaben lösen? Kann es schreiben? Lesen? Kann es sprechen? „Benutzt man einen Modellorganismus, setzt man stillschweigend etwas voraus“, sagt Prof. Dr. Karl-Friedrich Fischbach von der Abteilung für Neurobiologie und Genetik am Institut für Biologie III der Universität Freiburg. „Und zwar, dass es in der Natur allgemeine Prinzipien gibt, die man von einfach gebauten Organismen auch auf komplexer gebaute Organismen inklusive des Menschen übertragen kann.“ Als ein sich sexuell fortpflanzendes Tierchen unterliegt die Taufliege zum Beispiel den Gesetzen der klassischen Genetik. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts half sie etwa dem Nobelpreisträger Thomas Hunt Morgan, die Vererbung von Eigenschaften auf die Nachkommen mit der Verteilung der Chromosomen in der Keimbahn in Verbindung zu bringen. Ein Prinzip, das auch beim Menschen regiert. Gibt es so eine allgemeine Ähnlichkeit auch zwischen dem menschlichen und dem Fliegengehirn?
„Ja, die gibt es trotz aller anatomischer Unterschiede durchaus“, sagt Fischbach. „Zum Beispiel in den Gebieten, die das Sehen vermitteln. Diese weisen sowohl beim Menschen als auch bei der Fliege einen sogenannten visuotopen Aufbau auf.“ Neuronen, die vom Auge ausgehen und Informationen aus benachbarten Bereichen des Sehfeldes übermitteln, innervieren auch benachbarte Bereiche im optischen Areal. In beiden Gehirnen liegt also gewissermaßen eine Karte des Sehfeldes vor. Zudem sind sowohl beim Menschen als auch bei der Fliege einzelne Zellschichten funktional getrennt. Nervenzellen, die Vertikalbewegungen von Objekten kodieren, bilden ihre Synapsen in anderen Schichten aus als diejenigen, die Horizontalbewegungen melden. Diese höchst geordnete Verschaltung entsteht bei Drosophila bereits während der Entwicklung. Die Axone der Nervenzellen, die in den einzelnen „Teilaugen“ (den sogenannten Ommatidien) des Komplexauges sitzen, wandern aus und tasten sich durch mehrere Zellschichten des Gehirns an ihr Ziel. Auch diese Wachstums- und Zielfindungsvorgänge sind beim Menschen ähnlich. Fischbach und sein Team untersuchen unter anderem, wie die Fortsätze der Zellen ihren Bestimmungsort erkennen.
Vor mehr als zehn Jahren stießen Fischbach und sein Team bei einer solcher Mutante auf das Gen irregular Chiasm C (irreC). Ist dieses Gen kaputt, dann kommt es zu Fehlbildungen in Bereichen des optischen Areals im Fliegengehirn, die als äußeres und inneres Chiasma bezeichnet werden. Die Axone aus dem Auge finden ihre Ziele in tiefer liegenden Schichten des Gehirns nur noch über Umwege. Weitere Forschungen ergaben: Irre C hat eine Schwester, das Protein Kirre. Beide sitzen in der Membran von Axonendigungen, ragen in den extrazellulären Raum hinein und können definierte Proteine auf der Oberfläche von anderen Zellen binden. „Auf diese Weise erkennen die wachsenden Axone ihre Zielzellen“, sagt Fischbach. An den Membranen der Zielzellen haben die Wissenschaftler nach und nach auch die Proteinpartner gefunden, die von IrreC und Kirre gebunden werden. Die gesamte funktionelle Einheit haben sie das „irre cell recognition module“ (IRM) getauft. Die Moleküle sind allesamt Mitglieder der Immunglobulin-Familie. Somit ähneln sie den Antikörpern des Immunsystems, wie sie auch beim Menschen zu finden sind. Und das ist noch nicht einmal die einzige Ähnlichkeit.

Weitere Informationen zum Beitrag:
Prof. Dr. Karl-Friedrich Fischbach
Institut für Biologie III
Schänzlestr. 1
79104 Freiburg
Tel.: 0761- 203 2730
Fax: 0761- 203 2866
E-Mail: kff(at)uni-freiburg.de
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